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Frisch gepreßt 10 (April 2001):

Mama Guitar - In Mama Guitar Style

Oh je, schon bricht das Geschrei los: Was, du schreibst nichts über Nick Cave? Wieso denn das? Machen doch alle, muß man doch!? Ganz einfach: Ostern ist vorbei, die Eier gegessen, und für wiederauferstandene Heilande mit Häuptern voll Blut und Wunden sind die Zeiten hart, wenn die Sonne endlich im Tau der Bärlauchblüten glitzert und man sich widerstandslos dem Sehnen nach buntschillernd lackierten Gitarren, schallend hallenden Mädchenstimmen, polternden Krawumm!-Drums und mcartneyesken Tümp-tatümp-Bässen hingibt.

Und ein bißchen Theorie: Das Schöne an dem insgesamt höchst seltsamen Zeitalter der "Compact Disc" ist ja, daß es alles, was es je gab, gleichzeitig gibt. Früher geriet der coolste Modernist ins Jammern, wenn er mit einem erbärmlich abgegriffenen Papp-Cover in verstaubter PVC-Hülle an der Kasse vor dem Second-Hand-Halsabschneider-Hippie stand und alles Betteln nichts half: zahlen oder gehen! Oder zum Nachwuchs greifen, der damals Milkshakes hieß und praktisch genauso geil (wenn nicht noch geiler, ähem), aber eben nicht ganz so "vintage" war. Heute spielt das alles keine Rolle mehr: Wer die erste Kinks-, Move- oder Small-Faces- oder überhaupt irgendeine LP haben will, kriegt sie mit zweiundsechzig "Bonus-Tracks" im miniaturisierten Original-Cover mit Liner-notes von Chris Welch für ein paar Mark als Stapelware. Kann er Mama noch eine mitnehmen, die freut sich, außer sie hat keinen "Player" und stopft das Silberding vergeblich in Töchterleins alte Singpuppe.

Deshalb gibt es auch keine Revivals mehr, sondern jeden Abend in irgendeiner Freizeit-Beize ein Rockabilly-, Beat-, R&B-, Blues-, Glamrock-, Punk-, Progressive-, Metal-, Gruft-, Krautrock- oder Disco-Konzert, und ... huch! wo sind wir denn da jetzt hingeraten?

"Du bist ein alter Nostalgiker", sagt 07 mit einem extrem patronizing Grinsen, und da müssen wir ihn doch ärgern: Von wann ist die Platte? Hm? Hm? "Grob geschätzt: 1964", schätzt er grob, zieht ein Sloterdijk-Gesicht, und wir triumphieren: Ätsch, damals war Japan noch gar nicht entdeckt! Und wenn drei süße Mädels wie Yoko, Iris und, ähem, Jun ("Weight: Anyway heavy") damals auf eine Platte wollten, mußten sie sich wahlweise von Phil Spector, seinen Leibwächtern oder den Rolling Stones oder allen nacheinander auf die Besetzungscouch legen lassen oder John Lennon heiraten, und eigene Songs durften sie dann noch lange nicht schreiben. Schon gar nicht Texte wie "I sink of yoo, I mek believe too knock my hed!" Hihihihihi! Vom Spielen zu schweigen: Eine Schlagzeugerin, die rumpelt, knallt und keithmoont wie Yoko, ist mir nicht bekannt.

Kein Mensch weiß, was Mama Guitar soll, ist, bedeutet und werden kann. Das spielt auch - eben - nicht die geringste Rolle. Es gibt alles, aber das gibt es noch nicht, und wenn der arme Modernist noch lebt, hat er jetzt Gelegenheit, dem Second-Hand-Halsabschneider-Hippie eine lange Zunge rauszustrecken: Ätsch! Ganz neu! Aus Japan! Und geil! Präziser in den Liner-notes: "One night Mama Guitar played in Hamburg, Germany. After the tour, they traveled back to Tokyo. In Tokyo, they sessioned for a long time, making a marvelous record. This new record ‚In Mama Guitar Style' is the one that you are holding. This record is full of good vibrations and happy times! Some songs are very sentimental while others are wild! This is ‚Mama Guitar Style' and this is ‚Margy Beat'. Please listen! You'll love it and you should go to their show!"

"Ja wie", sagt 07, "ich geh mal rüber, mich 'n bißchen in die neue Nick Cave vertiefen." Pech gehabt, sagen wir: Wir sehen uns im November, vielleicht. Yeah! und: Yeah!


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer