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Frisch gepreßt 12 (Mai 2001):

Silo - Alloy

Gastvorlesung von Professor Augenzieher; Thema: Musik und Hypnose. Wie soll das gehen? Der Streber in der ersten Reihe (ein höheres Semester, logisch!) weiß Bescheid: Monotonie ist gefragt, gleichzeitig aber höchste Spannung. Streber! Genau: "Strebe nicht wider den Strom", sagt Jesus Sirach, und dem müssen wir das wohl glauben, weil er zweifellos ein noch höheres Semester ist.

Nicht gegen den Strom also, sondern mit. Entlang. Inmittenentlang. So wie Silo. Das sind Sören Dahlgaard, Frederik Ammitzböll und Mikkel Bender, drei Dänen mithin, und das ist schon weitgehend alles, was wir über Silo wissen. Aber der Strom, in dem und mit dem sie sich fernab vom rollierenden Welt- und Popkarussell treiben lassen, ohne ihm zu widerstreben, ist ein tiefes, altes Gewässer, das möglicherweise in den 1960er Jahren in Deutschland entsprungen ist: Damals, so lehrt Professor Augenzieher, kamen musizierende Menschengruppen mit Bezeichnungen wie Can und Kraftwerk dem Ideal musikalischer Hypnose sehr nahe. Warum sie ihre Versuche dann wieder einstellten, ist unbekannt. Möglicherweise hielten sie sich für Blumen. Andere nahmen die Experimente auf, im England der späten 70er Jahre des letzten Jahrhunderts - höre ich da jemanden schnarchen? - unter dem Signet "New Wave", allerdings nur in einem Teilbereich der darunter betriebenen Aktivitäten. Benützt wurden die gleichen Instrumente - Gitarren, Baßgitarren, Synthesizer, Schlagzeug - und befolgt wurde das gleiche Motto: Wer Songs schreibt, bricht der Musik das Rückgrat! Die Sache muß fließen!

Wie kommen wir da jetzt zu Silo? "Alles schon dagewesen", meint Rabbi Ben Akiba in Gutzkows lange nicht mehr dagewesenem "Uriel Acosta", aber diesmal hat er nur ein bißchen recht, oder, um Herrn Schiller anzuführen: "Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen." Aus den Ruinen der seltsamen Veranstaltung namens Rockmusik blühte Mitte der 90er Jahre eine noch seltsamere Veranstaltung, die findige Journalisten unter Bezugnahme auf ihr semesterferienweise unter dem gelben Horn absolviertes Praktikum "Post-Rock" nannten. Was war nun das?

Hier wird Professor Augenzieher auch ein bißchen unsicher, wirft diskussionsfähige Wörter wie "Chicago", "Trans Am", "Tortoise" in die Aula, aber schlafende Hunde sind nun einmal leichter zu wecken als hypnotisierte Studenten, und so sind wir auf den Selbstversuch angewiesen. Nicht ganz ohne Vorbereitung, denn ein bißchen mehr wissen wir schon über Silo: Es ist bestimmt kein Zufall, daß sie auf dem Label von Colin Newman erscheinen, der ihr erstes Album "Instar" auch mitproduziert hat. Denn Colin Newman gehörte seit den späten 70er Jahren zu Wire, und Wire gehörten zur New Wave, loco citato. Und so weiter. Silo spielen Gitarren (die man selten als solche erkennt), Schlagzeug (vorzugsweise in so seltsamen Metren wie 11/8), und manchmal machen sie noch ein paar andere Geräusche, die teilweise Mündern entstammen könnten. Silo nennen die Ergebnisse ihrer fließenden Arbeit "Bulk", "K2", "Contrast", "Repose" oder "Evolved As Into Vertical", und da ahnen wir schon, wohin die Reise geht: direkt in die warmen Arme der Hypnose, die die Seele reinigt und das Gehirn kräftigt. "Hallo, jemand zu Hause?" ruft jemand herein in den weichen endlosen Weltraum, aber es ist für die nächste Dreiviertelstunde und ein anschließendes akademisches Viertel (zur Landung) ziemlich egal, wer das ist und was er will.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer