zurück zur "Frisch gepreßt"-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 

Frisch gepreßt 122 (Oktober 2005):

John Lennon - Working Class Hero (The Definitive Lennon)

Zu John Lennon gibt es zwei Meinungen: Er war a) ein verrückter Bub, der sich in einen heroinsüchtigen Millionär mit Kunstfimmel verwandelt und für den Weltkönig gehalten hat, oder b) Gott. In den mittleren 70er Jahren, als der große Beatles-Kladderadatsch langsam verhallte, changierten diese Meinungen ein bißchen. Da konnte man auch mal behaupten: Ja mei, der John. Gott ist er ja schon, aber … erst diese Spinnereien mit der Yoko und der Urschreien, dann das wüste Gerumpel und Gerocke auf "Live Peace In Toronto", das superpeinliche Protestgetue auf "Some Time In New York City", die halbgaren "Mind Games", das "lost weekend", wo ihm erst (auf "Walls And Bridges") kaum was und dann (auf "Rock 'n' Roll") gar nichts mehr eingefallen ist. Und seitdem? Nix. Bleiben also zwei gute Platten: "Plastic Ono Band" und "Imagine" - obwohl, dieses Gesülze von der Besitzlosigkeit aus dem Munde eines Multimillionärs usw. … und umgekehrt übrigens auch, wenn auch die Variante "Ein Depp ist er ja schon, aber er war mit Bowie im Studio!" weniger verbreitet war.

Von 1975 bis 1980 dann: gar nichts. Lennon war "Watching The Wheels", legte in gleichnamigem Song seine Ansichten zur Notwendigkeit des Faulenzens (Hallo, Herr Exbundeskanzler!) nieder, verwandelte sich äußerlich zusehends in Marius Müller-Westernhagen, privatisierte (nachdem er sich endlich seine Green Card erstritten hatte) mit Yoko im New Yorker Dakota Building herum und überließ es Paul McCartney, den Rock-Kasper zu geben (das tat der so wie üblich: schlechtere Songs für mehr Geld). Als es 1980 wieder was zum Schimpfen gegeben hätte, weil das Comeback-Album "Double Fantasy" auch bloß eine halbfade Sache war, kam keiner mehr zum Schimpfen, weil drei Wochen nach seinem Erscheinen, am 8. Dezember, ein Wahnsinniger aus Hawaii (der die changierende Meinung vertrat, Lennon sei Gott und habe sich in den Teufel verwandelt) sich erst von Gott die Platte signieren ließ und dann, knapp sieben Stunden später, noch mal vorbeischaute, um dem Teufel fünf Revolverkugeln zu verpassen. Eine ging daneben, eine traf eine Arterie. Um sieben Minuten nach elf Uhr abends stand fest, daß sich niemand irgend etwas mit versteckten Rückwärtsbotschaften in Auslaufrillen und verschlüsselten Nummernschildern zusammenreimen mußte, um zu wissen: Lennon ist tot.

Seitdem, seit 25 Jahren, ist John Lennon endgültig Gott, und seine Jünger und Ketzer träumen davon, was hätte sein können: Lennon als Weltkönig, Lennon als Las-Vegas-Trottel … wer weiß? Belegbar ist, daß er am 9. Oktober das Rentenalter erreicht hätte und einige der größten Popsongs überhaupt hinterlassen hat, von denen a) seltsamerweise beim Wiederhören nach vielen Jahren die wenigsten wirklich nach Lennon klingen, b) man meint, man habe viele davon noch nie gehört, um dann zu bemerken, daß man sie "schon immer" kennt, und c) auf dieser CD eine schicke, runde und höchstens (von Yoko Ono) etwas eigenartig zusammengestellte Auswahl zu finden ist: Los geht's mit der Shakin'-Stevens-Pastiche "(Just Like) Starting Over", es folgt das vielgeschmähte (und trotzdem wirksame) Parade-Engagement mit "Imagine", das (inhaltlich) komplett gegenteilige "Watching The Wheels", die sanfte Privatheit "Jealous Guy", das rowdymäßige Massenaufstandsgegröl "Instant Karma!", die lächerliche Version von Ben E. Kings "Stand By Me", der Jahrhundertblues "Working Class Hero" … und so geht das weiter, zwei CDs lang, ein Wechselbad sondergleichen, das man höchstens dann ganz durchhören kann, ohne vor lauter Meinungschangieren schizophren zu werden, wenn man nebenbei ein Menü mit sechs Gängen kocht.

Aber so war er halt, der John: ein Depp, ein Genie, ein Kasperl, ein Trauerkloß, ein Egomane, ein Einer-für-alle-Held, ein Spinner, ein Realist, ein Liebender, ein Geliebter. Ein Mensch aus Musik.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer