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Frisch gepreßt 123 (9. November 2005):

Babyshambles - Down In Albion

Wenn Pete Doherty das nächste Jahr überlebt, hat er gute Aussichten: Er wird das eine oder andere solide, reife Pop-Album veröffentlichen, eventuell Kate Moss heiraten, vielleicht nach Kalifornien ziehen. Und er wird in der Popgeschichte vermerkt werden als einer der größten britischen Songwriter, obwohl er mit Sicherheit nie mehr eine Platte wie diese machen wird.

Wenn. Seltsam, über jemanden zu schreiben, von dem man nie weiß, ob er, wenn der Text gedruckt ist, noch lebt. Das geht so schnell hin und her, daß nur die Tagespresse eine Chance hat: heute randvoll mit Crack/Heroin, gestern clean, vorgestern früh im Gefängnis, mittags die Band aufgelöst, nachmittags wieder zusammen, abends auf der Bühne, nachts bewußtlos in irgendeinem Rinnstein, letzte Woche in allen Schlagzeilen wg. Kate Moss (die, seit sie sich zaghaft gegen den Boulevardterror wehrte, erst recht dessen Vorzugsopfer ist) … Früher nannte man das "Rock 'n' Roll", war entsetzt-fasziniert von der Mischung aus Outlaw-Freiheit und Outlaw-Einsamkeit zwischen Rummel und Tod. So direkt, anrührend und, ja: poetisch wie in Petes Musik hat die sich höchstens auf "Exile On Main St." und "London Calling" niedergeschlagen.

Daß Pete Doherty noch mal ein "richtiges" Album hinkriegt, hat kaum jemand für möglich gehalten, weder die, die seit Monaten vorab um ihn trauern, noch die, die seine öffentliche Selbstzerstörung hämisch/zynisch verfolgen. Ätsch: "Down In Albion" ist nicht nur ein richtiges Album, sondern eine "Rock-Oper" aus 16 (!) Songs, ein "Konzeptalbum" (!!) in drei Teilen. Über dessen "Konzept" Pete in einem schizophren-vernebelten Interview mit dem NME sagte: "Boy meets girl, boy gets banged up, then something else happens." Schon klar: Kate. Und die Libertines.

Um erstere geht es gleich in der ersten Nummer, dem besoffen-jazzig dahinschlurrenden "La Belle Et Le Bête", bei dem sie mitsingen darf. Das heißt: hauchen. Es war, kommerziell gesehen, keine gute Idee, mit diesem Fünfminutenfragment anzufangen, weil "normale" Hörer den Rest dann mit konditionierten Ohren hören: jeden falschen Ton, jeden Griff neben Bund, Saite, manchmal auch Instrument unbewußt doppelt aufmerksam registrieren. Aber egal und gut so; wer perfekte Popkonsumprodukte vorzieht, hat hier sowieso nichts verloren: Pete Doherty ist nicht für Kompromisse mit dem "Markt" bekannt ("They'll never play this on the radio!" grölt er in "Killamangiro"), sein Produzent ebensowenig. Das ist Mick Jones von The Clash, der seit damals weiß, wieviel Schmerz, Musik und Poesie in einem schiefen Ton liegen kann, und der deshalb scheinbar einfach Mikros aufgestellt und alles mitgeschnitten hat, um den Traum fortzusetzen, den er mit The Clash geträumt hat, die eine ähnliche Position (ganz weit draußen) hatten wie heute Babyshambles - nur daß The Clash (man erinnere sich: eine Band, in der nicht über Tantiemen diskutiert wurde, sondern darüber, ob aufrechte Revolutionäre den Klassenfeind an den Baum oder die Laterne hängen) nicht ganz so allein waren.

Wie gesagt: scheinbar. Beim zweiten Hören merkt man, daß das gar nicht stimmt. Daß hier eine großartige Band spielt, die mühelos von Jazz zu Reggae zu Punk zu Tin-Pan-Alley-Ballade changiert, mit blindem Verständnis improvisiert und auch mal auf Kommando die Stooges zitiert. Mit dem wütend selbstironischen "Fuck Forever" geht das los ("Oh I'm so clever / But clever ain't wise"), dessen Melodie und Worte brennen sich ins Gedächtnis wie ein Stück eigene Erinnerung. "A'rebours" gibt den Ton vor, der das Album über weite Strecken prägt: heitere, gelassene britische Straßenmelancholie, Trauer über Vergangenheiten, die nie waren, ein verlorenes "Albion", das es nie gab. Mit "The 32nd December Of December" kippt die Waage wieder: Das rockt entspannt, unironisch glücklich (und so "catchy", daß man an die Beatles denkt). Die Ironie folgt mit "Pipe Down", das in einen östlich angehauchten Reggae hineinschwappt, der sich mit "Sticks And Stones" durchsetzt und bei dem man The Clash im Kopf hat, nur als Referenz allerdings, denn nie klingt irgend etwas, was Doherty macht, "so wie" irgend jemand anderer; es strahlt nur was ähnliches aus.

Teil zwei beginnt mit der Single "Killamangiro", in der jemand wegen ein bißchen Geld umgebracht wird - da grenzt die Ironie an Bosheit und Gejammer ("Why would you pay to see me in a cage?") und an die Realität, in der Pete am Telefon fünfstellige Summen für ein Interview mit der Boulevardpresse angeboten kriegt, aber - weil er weiß, daß er den Termin nicht einhalten wird - lieber den gerade anwesenden Reporter um zwanzig Pfund für "bits and bobs" anschnorrt. "8 Dead Boys" ist Punkrock, aufgemotzt mit klirrenden Gitarrensplittern und ein paar frechen Breaks - am Ende wieder Zerfall, in Krach mit vielen Löchern, die Mick Jones, statt sie mit produktionstechnischem Kram zu stopfen, alle stehengelassen hat. Hier könnte das Album enden, dann wäre es gut; es wird aber noch viel besser. Aus der schwerelosen Ballade "In Love With A Feeling" klingt das Echo der Libertines heraus, unterbrochen von Petes Kämpfen mit sich selbst, die die Band einfühlsam untermalt. Dann: große Pause. Petes ehemaliger Zellengenosse The General darf in "Pentonville" fast ohne Begleitung (da fällt höchstens mal jemand über eine Gitarre oder knödelt im Nebenzimmer mit) ein paar Minuten frei assoziativ toasten - das erinnert an "Sandinista!" und bereitet Boden und Gemüt für Teil drei. Zuvor kommt noch "What Katy Did Next", die zweite Folge von Petes Moss-Doherty-Saga, stellenweise nahe an der Grenze zu Larmoyanz und Binsenweisheit (das alte lesson/learned/fire/burnt-Couplet).

"Albion", angeblich Petes erster Song überhaupt, ist einer der schönsten, die es gibt. Funktioniert in der Kneipe, am Lagerfeuer, auf der Straße, im Stadion, könnte sogar im Radio funktionieren - und in Zeilen wie "If you're looking for a cheap sort who'll glint with perspiration / There's a four-mile queue outside the disused power station" stecken so viel Liebe, Schmerz, Stolz, Trotz, Weisheit, morbide Lebensfreude, daß man beim Hören meint, es müsse einem die Brust explodieren. "Back From The Dead" und der sommerlich-gelassene "Loyalty Song" rutschen danach wie ein schimmernder Nachklang durchs Ohr, wenn man sich nicht die Mühe macht, sie einzeln zu hören (was man sollte). "Up The Morning" wiederum zeigt, wieviel an musikalischem Gespür, Ideen, Leben in dieser Band steckt: Die quer durch die Tonarten nach oben rollende Melodielinie ist so genialisch gebaut, daß man sie einmal hört, nie mehr vergißt und doch nicht durchschaut. Petes Akustikgeschrammel "Merry Go Round" läßt das Album atmosphärisch ausklingen; Schlagzeuger Adam Ficek klöppelt ein bißchen nach, weil er noch nicht aufhören mag. Man sieht ihn förmlich lächeln, und dann sieht man sie alle lächeln - die ganze Bande: ihn, Gitarrist Patrick Walden, Bassist Drew McConnell, Pete, Mick Jones -, sich anstrahlen, einander in die Arme fallen und ins Morgenlicht hinausschlendern, ohne Worte, weil es nicht mehr nötig ist, was zu sagen, wenn man gegen derartige Sturmwellen von Sensationalismus, Verachtung, Spott, Schicksal und Zynismus und die bösen Geister im eigenen Kopf und Körper ein derartiges Meisterwerk hingelegt hat: vielleicht das größte Rock-'n'-Roll-Album unserer Zeit. Die Welt wird das erst in vielen Jahren bemerken, aber wen kümmert so was schon.

Wenn Pete das nächste Jahr überlebt, hat er gute Aussichten.

(ursprünglich für KONKRET geschrieben, dann in zwei gekürzte Versionen aufgeteilt)


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer