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Frisch gepreßt 125 (7. Dezember 2005):

Johnny Thunders - So Alone

Er trug die höchsten (ernstgemeinten) Absätze der Menschheitsgeschichte und den wunderbarsten Künstlernamen, den man sich für einen Popstar erträumen könnte; dabei hieß er schon in Wirklichkeit Johnny Genzale und sah nicht einfach nur gut aus, sondern strahlte mit seinem Gesicht solche Mengen an verdorbener Unschuld, Einsamkeit, Tragik, Verweigerung und Sex-appeal in die Welt hinein, daß daneben ein Würstchen wie James Dean wie ein behaarter Salzstreuer wirkte. Johnny Thunders war schon Gott, bevor er einen Finger an die Saite legte.

Hatte sich der Beitrag der Glamrocker zur Gitarrengeschichte bis 1973 im wesentlichen darauf beschränkt, Chuck-Berry-Riffs auf Düsenjet-Volumen aufzupumpen und ein paar scheppernde Harrisonereien zwischen die Refrain-Wiederholungen zu brettern (damit keine Ekstase-Pause entstand, während Noddy Holder sein Nebelhorn mit Neuluft füllte bzw. Brian Conolly zur Herzmassage hinter die Bühne mußte), so wurde mit dem Erscheinen der New York Dolls plötzlich und schlagartig klar, daß das Leben in der Großstadt kein Halligalli-Ferienlager und Rock 'n' Roll weder der Nebeneingang ins Opernhaus noch eine vorzüglich am friedlichen Lagerfeuer genossene Feldfrucht ist. Johnny war "The Wild One", und er verband private Haltlosigkeit und Abenteuerfreude mit einer tiefen Liebe zu den schwarzen Wurzeln der weißen Krachmusik und ihrer dunklen Essenz (sowie einer hoch lobenswerten Abneigung gegen Effektgeräte, Verzerrer und ähnlichen Klimbim). Als Radikalkur versuche man den von 1973 übriggebliebenen Gulli-Blues "Down, Down, Downtown" auf diesem, seinem ersten Soloalbum: Mehr stolzer Schmutz und hoffnungslose Sehnsucht pro Quadrattakt war kaum je zu hören (und wenn Onkel Strubbelbart einwendet, der Kerl habe doch ausgesehen wie die Original-Torte und gar nicht richtig spielen können, wenden wir dagegen, daß Jimmy Page schon ganz am Anfang so begeistert von Johnnys wütend heulender Brachial-Dramatik war, daß er ihn zu seinem einzig legitimen Erben erklärte und das Bürschchen zum Jammen nach Hause einlud - Johnny brachte ein Pulver mit, das Jimmy gar nicht gut tat; aber das ist eine andere Geschichte. Oder eben nicht, denn es geht das Gerücht, auch Pete Townshend und Eric Clapton hätten sich nur deshalb heroinsüchtig gemacht, um einmal im Leben spielen zu können wie Johnny Thunders, vergeblich natürlich.).

Leider tat ihm selber die lebenslange Liebe zum Lähmungsmittel auch nicht immer gut. Bei den New York Dolls hatte er mit Album eins seine Wutschmerz-Melodie-Arbeit praktisch getan; das zweite lebte von Resten und dem wahrhaft titanischen "Human Being". Die übrigen Jahre seines Lebens verbrachte er damit, in die Geschichte einzugehen als zähester, erbärmlichster, heroischster Junkie aller Zeiten. Manch funkelnder Rohdiamant fiel dabei ab, vornehmlich 1977 auf dem Heartbreakers-Album "L.A.M.F.", obwohl da die satanisch sanfte Ballade "You Can't Put Your Arms Around A Memory" gar nicht drauf war (die ist hier drauf), aber zum Schleifen hatte Signore Genzale nicht mehr den Nerv, verzettelte sich statt dessen späterhin auf sporadisch rausgeleierten Platten in anrührenden, musikalisch weltraumleeren Akustik-Aufkochungen, zog als todtraurige Karikatur seiner selbst durch die Keller der Welt und bewies mit jeder neuen Live-Platte, daß es ihm schon wieder ein bißchen schwerer fiel, von "Born To Lose" bis "Chinese Rocks" seine honiggelbe 58er Les Paul T.V. einigermaßen festzuhalten, während Thunders-Fan Joe Perry mit der Dolls-Tribute-Combo Aerosmith Johnnys Riffs auf Marktformat schliff und tausende Imitations-Kapellen den schmerzhaften Wahnsinn als billigen Jahrmarkts-Stunt nachklapperten, ohne von einem Geniestreich wie "Personality Crisis" auch nur träumen zu dürfen.

Es war ein merkwürdiges Unternehmen, Johnny Thunders 1978 zwecks Erstellung eines Soloalbums ins Studio zu schicken. Alles, was er bis dahin angefaßt hatte, war entweder spektakulär bis erbärmlich zerbröselt (die Dolls und sein Privatleben) oder in heillosem Chaos versunken und gar nicht richtig fertiggeworden (die Heartbreakers und ihr Album). Aber mit Allstar-Begleitung (zwei Heartbreakers und viele Fans: zwei Sex Pistols, zwei Only Ones, zwei Hot Rods, Chrissie Hynde, Patti Palladin, Steve Marriott, Phil Lynott usw.) würde das schon was werden, mag man gedacht haben. Leider hatte der überwiegende Teil der Beteiligten selbst ein Heroinproblem und niemand einen rechten Peil, wie man eigentlich ein richtiges Album macht. Also wurde daraus scheinbar bloß eine Vorlage für Peter Doherty: viel Krach und Durcheinander, eine Platte, die mit in der Gegend herumbaumelnden Schuhbändern daherkam, stolperte und über sich selbst drüberfiel. So was ist aber halt immer eine Frage des Blickwinkels. Freilich ist "So Alone" nicht "Darkness On The Edge Of Town" oder "Never Mind The Bollocks", aber wenn man genauer hinhört, wird man durch all die verstimmten, blechernen Gitarren, das Holzgehacke und die grölenden bis nölenden Schrägstimmen hindurch hören, was Johnny Thunders ausgezeichnet hat wie kaum einen anderen auf dieser Welt: ein warmes, einsames, verlorenes, unbeirrbar schlagendes Herz. Und dann ist man plötzlich einer von denen, die denen, die "Was ist denn das für ein miserabler Krach!" sagen, entgegnen: "Ihr habt halt einfach keine Ahnung."

Weil er so war, wie er war, verzeihen wir der Welt auch ihren Umgang mit seinem Werk. Praktisch jedes Album ist mittlerweile in sieben bis elf Versionen erschienen, alle irgendwie anders und doch gleich, auch dieses: eine Neuauflage mit vier bekannten (und wunderbaren) Bonustracks, ohne "amtliches" Remastering oder (Gott sei Dank) einen "Remix". Und schön zwischendurch, ohne ein Auge für den Anlaß, etwa das 30jährige Jubiläum der Heartbreakers oder die 15. Jährung des endgültigen Endes am 23. April 1991, als sich Johnny in einem Schmuddelhotelzimmer in New Orleans böse, qualvoll und sinnlos umbringen ließ, ohne selbst zu wissen und, logisch, irgendwem zu verraten, daß ihm der Krebs sowieso bloß noch ein paar Wochen Zeit gelassen hätte - dafür weinen wir eben beim Wiederhören eine große und verstohlene Träne.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer