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Frisch gepreßt 13 (Mai 2001):

Tom Liwa - Evolution Blues

"Tom? Liwa nich!" grölt unser Freund K. Lauer, als er die heutige Diskussionsgrundlage erblickt. "Ha! Ha! Ha!"

Das ist unqualifiziert. Raus! Der nächste Einwand: "‚Endstation Baby' ist immerhin ein cooler Titel. Erinnert irgendwie an ... hm, ein Trambahnlied aus den frühen Tagen vom Ringsgwandl." Auch diesen Mann, der noch nicht einmal einen schreibschriftlichen Titel auf dem CD-Rücken erstblickig fehlerfrei entziffern kann, sind wir mangels Ernsthaftigkeit los. Denn soviel wissen wir vorab: Gekeckert, gekichert, geprustet und gejohlt wird nicht, wenn Deutschlands instensivstes Schmerzgesicht zur Debatte steht. Das immerhin ist diesmal auf dem Cover kaum zu sehen, aber anstatt wie einst unter dem Band-Signet Flowerpornoes dem gierigen Auge "Mamas Pfirsiche" entgegenzurecken, begleiten uns Bilder aus der bodennahen Urbanität randständigen Lebens durch den Kosmos eines Mannes, der angeblich "seine Außenseiterrolle in der deutschen Musiklandschaft akzeptiert hat". Natürlich, denn das Leben spielt sich nur am Rand ab, in den schattigen Zwischenräumen abseits der dröhnenden Mainstream-Welt-Maschine.

Will dazu jemand was sagen? Mal feststellen, wie schön, wie wunderschön die Sachen sind, die Liwa selbstversunken-schwerelos in die stille Luft singt und spielt? Huch, keiner mehr da?

Macht nichts, denn auch Tom Liwa ist allein, allein mit seinen Liedern und Gedanken, Träumen und Bildern; während außenrum alles rauscht, was Blätter hat, und in manisch-hysterischem Geplapper eine persönliche und musikalische Anders-Gegen-Geschichte beschwört, die angeblich damit zu tun haben soll, daß ein amerikanischer Song-Nöler gerade 60 Jahre alt geworden ist. Wenn Tom Liwa - man darf ihn nun wohl "Duisburgs dichtenden Denker" nennen, aber man sollte das lieber lassen - mal 60 wird, wird er nicht wie jener "Halbtot und häßlich" mit einem Kometenschweif von Feuilletonisten um den Arsch auf einer neverending Tour durch die Dörfer ziehen und "Blowing In The Wind" plärren, sondern geliebt und vergessen in einer Küche oder einem Wohnzimmer sitzen und ein kleines, geliebtes und vergessenes Lied singen. Vielleicht dieses: "Auf der sonnigen Seite der Straße / bis die Sonne verschwindet / Wir gehen nirgendwohin / Wir gehen nirgendwohin."

Eine theoretische Abscheifung: Daß Musik dem Menschen soviel bedeutet und ist, liegt an einem physikalischen Phänomen. Zwar ist, um Nabokov zu zitieren, die Gegenwart nur die Spitze der Vergangenheit und die Zukunft nicht existent, aber die Rasierklingenschneide zwischen gestern und morgen läßt sich verbreitern. Ein Lied, das man kennt, erweitert den Erlebnishorizont des Moments ein paar Minuten nach vorne und hinten; man weiß, was passieren wird, man kennt die Gefühle, die sich gleich einstellen werden, die Zeit wird zur geschlossenen Schleife, und dann schwimmt man in einem warmen Weiher von Gegenwart. Das ist ein Wunder, stimmt, aber ein alltägliches, und am schönsten ist es dann, wenn ihm Äste wachsen, die sich weiter ausbreiten, als es eine Drei-Minuten-Melodie kann. Dann bleibt die Zeit wirklich stehen, und dann kann man versinken in der komplexen und skurrilen Gedanken- und Textwelt, die der einsame Sänger im Booklet ausbreitet und die sich wie der süße Nebel in Boris Vians Geschichte um die Lieder und ihren Zuhörer ringelt: eine Collage aus Zitaten, Briefen, Ideen, ein Paralleluniversum ohne Tempo, Gewinn und Effektivität.

"Eines Tages wirst du fliegen, kleiner Hase, über den Ozean", haucht die zerbrechliche Wind-Stimme aus dem baumstämmigen Liwa-Körper heraus, "sprach die Maus ohne Ohren aus dem Versuchslabor und sah mich vielsagend an." Und die wenigen, die ihn kennen, verzaubert ein selbstvergessenes Lächeln. Ach Tom, ach Tom, es ist so schön, daß es dich gibt.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer