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Frisch gepreßt 14 (Juni 2001):

Neu! - Neu! 1975

Vor ein paar Jahren rief mich Klaus Dinger an und erzählte von den bösen Leuten, die ihm die Namen seiner zwei Bands geklaut hätten und daß er die auch vor Gericht nicht zurückbekomme und daß er jetzt nur noch in Japan tun könne, was er tun wolle und müsse und wirr und warr, und irgendwann dachte ich: das ist vielleicht gar nicht Klaus Dinger, der mich da angerufen hat; er war es aber wahrscheinlich doch, weil er von ein paar Platten erzählte, die Klaus Dinger gemacht hatte und die außer ihm und mir und ein paar Japanern bestimmt keiner kannte; ein paar von den Platten hatte er mir nämlich zugeschickt, die hatte ich auch gehört, und sie klangen in etwa wie das, was ich damals, als ich immer Musiker werden wollte, aber nicht wußte, wie das geht, - was ich da aufgenommen hatte, komplett mit improvisiertem Nonsens-Text und endlos dahingeschraddelter Gitarre und Geräuschen dazwischen, aber ein einziger Track war wirklich großartig, der lief so dahin, als führe ich auf einem Interkontinentalexpreßzug quer durch ein stilles, blendend modernes Europa; und da dachte ich: genau, es ist Zeit, mal wieder so Musik zu machen, einfach so spielen und schauen, was passiert, aber meine damaligen Mitmusiker wollten davon gar nichts wissen, von wegen Instrumente tauschen und keinen Rock'n'Roll und so, Hilfe. Punkt.

Dann habe ich Klaus Dinger und die ganze Sache vergessen, und erst vor ein paar Monaten kam die Idee wieder, weil inzwischen die Produktion marktkompatibler "Rock-Bands", die immer denselben Ami-Müll brüllen und rocken, das Ausmaß einer weltumspannenden Klon-Industrie angenommen hat und aber auch schon gar nicht mehr erträglich ist, und da wollte ich wieder so Musik machen: einen Ton spielen, zwanzig Minuten lang, und dazu was aus dem Stegreif erzählen, eine oder zwei Zeilen, die nichts und alles bedeuten, immer wiederholen, ohne Punkt und Absatz, einfach so, schließlich hat ja auch alles Gute irgendwann so angefangen, bei Velvet Underground, bei Wire, bei David Bowie, Roxy Music und eben auch bei dem, was man damals Kraut-Rock nannte, und siehe da: eben jetzt kommt ausgerechnet der schlimme Deutsch-Rüde Grönemeyer auf die Idee, die ersten drei Platten von Neu! neu herauszubringen; das waren Michael Rother und Klaus Dinger, von 1971 bis 1974 und dann noch mal 1975, und das war genau das, was ich meinte.

Es fing an mit "Hallogallo", mit dem, was die Engländer heute vergötternd "Die Deutsch Motorik" oder ähnlich nennen, es sah irgendwie aus wie Punk, der aber erst Jahre später kam, es klang irgendwie wie New Wave (auch Jahre später), es war zum Teil ziemlicher Humbug, aber als sich die beiden nach der Pause noch mal zusammentaten und die dritte Platte "Neu!75" machten, da war es ziemlich phantastisch und genau das, was ich meinte, meine und jetzt eigentlich nicht mehr machen muß.

Da hörte man eine Seite lang Michael Rothers schimmernde, weltvergessene, absolut rocknrollfreie Kindersommermelodien, die er später solo bis zum leeren Exzeß übertrieb, und eine Seite lang Klaus Dingers rohe, hymnische, auch völlig rocknrollfreie Proto-New-Wave-Tracks, von denen David Bowie vor deutschen Fernsehkameras in den höchsten Tönen schwärmte; einer davon hieß "Hero", und daß Bowie später seinen und überhaupt den größten Song aller Zeiten "Heroes" nannte und ab und zu deutsch sang, das findet Klaus Dinger "ein bißchen zuviel des Guten", aber zuviel von so Gutem kann es eigentlich gar nicht geben, vor allem in dieser seltsamen Kombination, und deshalb werde ich mir jetzt auch Dingers spätere Platten mit La Düsseldorf und danach in Ruhe noch mal anhören, und deshalb werde ich das trotzdem selber nach- oder auch machen, weil es einfach so schön dahin rollt und werkelt und romantikmotorikiert und von einer Zukunft träumen läßt, von der man damals einen Moment lang träumen konnte und von der ich in der Hölle des globalkapitalistischen Effektivitätskrieges so gerne mal wieder träumen möchte. Punkt.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer