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Frisch gepreßt 15 (Juni 2001):

Iggy Pop - Beat 'em Up

Das Schöne an Amerika ist ja, daß es von hinten aussieht wie eine seit fünfzig Jahren nicht mehr geleerte Mülltonne, in der sich Ratten und Zombies zum Gruppensex treffen. Und das Schöne an Iggy Pop ist ja, daß wir ohne ihn gar nicht wüßten, wie Amerika von hinten aussieht.

"Verzeihen Sie", sagt Dr. Schönfärber, "ich habe gerade gespeist!"

Na und? Das muß sein. Sein müssen aber auch ein paar periphere Gedanken zum Thema Zivilisation, wenn wir schon mal dabei sind. Was Zivilisation ist, erfährt man nämlich am besten an ihren Rändern. In diesem Sinne dürfen sich die feingeistigen Bildungsbürger dieser Welt seit 35 Jahren über Iggy Pop freuen, über seinen Kreuz(igungs)zug in einer und eigener Sache, über seine Botschaft, die lautet: "Ich!" Das nämlich ist der Rand der Zivilisation; oder anders ausgedrückt: Wohin es führt, wenn jeder sich selbst und seine individuellen Ziele und Wünsche verwirklicht, das sieht man am besten an denen, die mit Computerspiel, Bistro-Baguette, Multifunktions-Handy und dem ganzen Produkt-Trara nicht zufrieden sind. Die weder "fit for fitness" (doch, das gibt es jetzt auch schon!) sein noch durchstarten wollen.

"Bitte was?" fährt Dr. Schönfärber dazwischen. "Hören Sie mal, junger Mann, wenn Sie hier Kulturpessimismus verbreiten wollen, dann gehen Sie doch dahin, wo Ihresgleichen hingehört!"

Genau, das tun wir. Da ist es gemütlich. Hi, Iggy! Hübsches Auto hast du da! Wer ist denn die Puppe da drüben? Hat wohl einen Schluck Sprit zuviel erwischt, was, hihi? Nun mach nicht so ein Gesicht, wir sind auf deiner Seite, wenn es darum geht, den Positivdenkern, Motivationskasperln, Gutbetern, Gitarrenstimmern und sonstigen modernen Alles-klar-Hanswursten den heißen Ofen unter den Hintern zu stellen!

Und wir haben gute Gründe dafür. Das fängt bei der Musik an: Warum hat der Rock 'n' Roll von heute so ganz und gar nichts mit dem Leben von heute zu tun? fragte eine verzweifelte Journalistin Mitte der 70er Jahre. Da war Iggy Pop für einige Zeit abgetaucht, ehe er mit einer ganzen Großfamilie nachgewachsener Punkrocker zurückkehrte. Heute ist er zwar immer noch da, aber vor lauter wimmelnder Industrie-Arschkriecherei, Konsens-Rock, Digital-Gehopse und doofen Imitations-Nudeleien kaum mehr zu hören. Da muß man die Ohren aufsperren, und zwar die der anderen, und zwar mit Lärm, und zwar mit einem Lärm, der genauso klingt, wie die Produktionsstätten des Industrie-Globalismus klingen würden, wenn sie ihren eigenen Krach nicht mit einem noch lauteren Dauerfeuer von Reklame-Terror übertönen würden. Iggys Lärm hat den Vorteil, daß er nicht nur denen Angst, sondern uns auch noch Spaß macht. "It's All Shit", "Ugliness", "Death Is Certain" - ewige Weisheiten aus dem Munde und dem Körper eines Mannes, der Scheiße, Häßlichkeit und Tod nähergetreten ist als die meisten von uns. Dazu Trommeln, die klingen wie die brennenden Öltonnen auf den Straßen von Detroit, wenn man sie mit Eisenstangen schlägt, um der Revolution den Rhythmus zu geben. Gitarren wie Leder aus der Haut von Höllenhunden, Akkorde wie rostige Krallen, Songstrukturen wie ... na gut, das Wort war ein Witz.

Zusammenfassung für Leute, die sich nur für Musik zu interessieren glauben: Nach dem versuchsweisen Annähern an Altersweisheit auf "Avenue B" vor zwei Jahren war es auf seinem neuen Album wieder Iggys Ziel, den Rock 'n' Roll in die Steinzeit zurückzubomben. Das ist gelungen. Und wenn jetzt einer fragt: warum? - dann antworten wir: Dieses Wort gibt es im Wortschatz von Iggy Pop nicht.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer