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Frisch gepreßt 16 (Juli 2001):

Ramones - Road To Ruin

New York, 1978. Da sitzen vier Männer, die als Band so ziemlich alles erreicht haben, was man erreichen kann: eine eigene Musikrichtung (Punkrock) erfunden, hunderte von Konzerten gespielt, drei der wichtigsten LPs des Jahrhunderts und ein Live-Doppelalbum veröffentlicht, eine der größten Singles aller Zeiten ("Sheena Is A Punk Rocker") geschrieben. Schade nur, daß all das fast keiner weiß. Niemand will ihre Platten kaufen, keiner spielt sie im Radio. Punkrock ist vorbei, die Band pleite, hungrig und sauer. Aus der Traum von kreischenden Teenager-Horden, einem eigenen Flugzeug mit dem Schriftzug "World Tour 1978", goldenen Platten an den Wänden. Was bleibt, ist ein alter Lieferwagen voller zerlumpter Verstärker und ramponierter Instrumente, 300 schlecht bezahlte Gigs im Jahr - und, aus irgendeinem Grund, der Plattenvertrag.

Also macht man ein neues Album, mit einem neuen Drummer, weil sich der alte für zu schlecht hält und lieber nur noch produzieren will. Marc Bell hat schon eine gescheiterte Karriere mit Richard Hell & The Voidoids hinter sich; er ist der richtige Mann für den gestrandeten Haufen, der nun auch keinen Bock mehr hat auf Fun, Bubblegum, Surfen und all das Zeug. Nix mehr "Gabba Gabba Hey" und "Today Your Love, Tomorrow The World" - "I Wanted Everything" (aber gekriegt hab ich bloß einen Scheißjob und ein leeres Leben), heißt das Motto. Wenn wir schon untergehen, dann aber wenigstens nicht auf Umwegen, sondern per Autobahn in den Ruin. Es wird ernst.

Was kommt nach Punk? "I Just Want To Have Something To Do"! Und ob es jemand mag, ist jetzt auch schon egal. Also nehmen die Ramones die seltsamsten Songs ihrer ganzen Karriere auf. "Don't Come Close" zum Beispiel, eine bizarre, fröhlich-traurige Up-Tempo-Country-Pop-Ballade, die jede kommerzielle Logik auf den Kopf stellt. Die verbliebenen Punkrocker reißen die Ramones-Poster von den Wänden, schneiden sie in Streifen und legen sie nebens Klo; die Country-Gemeinde lächelt hämisch: Brav, Buben, macht noch 20 Jahre so weiter, dann dürft ihr vielleicht auch mal ein paar Minuten ans Lagerfeuer! Oder "Questioningly", ein Tränendrüsen-Schmalzfetzen, der die beiden größten Fehler macht, die ein solcher machen kann - er klingt nüchtern, ehrlich und absolut ernstgemeint, und es fehlen Geigen, Hall und jede Spur von Teen-Sommercamp-Schmonz. Und er stammt aus der Feder eines quadratschädeligen New Yorker Hinterhof-Junkies, der am liebsten Science-Fiction-Horror-Comics liest. Das spielt kein Radio, weil dem Ansager danach fünf Minuten lang ein Kloß im Hals steckt und sein Animationsgeplapper erstickt.

Oder "I Wanna Be Sedated", oder "Go Mental" - Hymnen über das blöde, langweilige, sinnlose Leben, das sich nur mit Phenobarbitol einigermaßen ertragen läßt. "I Don't Want You" - soviel zu dem Pop-üblichen Liebesgesäusel. "I'm Against It" - und zwar ganz egal was es ist. Und dann noch eine Coverversion des alten Searchers-Heulers "Needles & Pins", die so tragisch, verzweifelt und rettungslos klingt, daß die Searchers wahrscheinlich heute noch schamrot hinter dem Schrank sitzen. Und das alles so gnadenlos perfekt gespielt, gesungen und produziert, daß man am Ende, wenn "It's A Long Way Back" verklungen ist, dasitzt und sich fragt: Warum machen die das? Soviel Mühe, bloß um zu beweisen, daß alles sinnlos ist? Das haben sie bewiesen: Kein Mensch wollte "Road To Ruin" kaufen oder hören. Niemand. Die Band ging danach auf Tour und ließ sich von zehntausenden Black-Sabbath-Fans mit Dosen, Flaschen und Müll bewerfen, ungerührt.

Ja wie? fährt der Namenlose in den Monologabspann. Und was soll das alles bedeuten?

Ganz einfach, sage ich: "Road To Ruin" ist die wichtigste, beste und tapferste aller Ramones-Platten. Danach kam der Reinfall als Leder-Monkees mit "Rock 'n' Roll High School", danach kam Phil Spector, und danach kamen viele viele Jahre mit ein paar guten Songs, aber keinem einzigen guten Album. Und jetzt ist Joey Ramone tot und die "Road To Ruin" zu Ende, und es wird Zeit, sich an die wichtigste, beste und tapferste Band Amerikas zu erinnern. "She's The One"!


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer