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Frisch gepreßt 17 (Juli 2001):

Joe Strummer & The Mescaleros - Global A Go Go

Bla bla plapper gluck bla plapper rülps plapper bla.

Darf ich kurz um Ruhe bitten, um kundzutun, wer im Grunde der einzige vernünftige, sympathische Rockmusiker auf diesem ganzen Planeten ist?

"Oh, ist es wieder soweit?"

Die Rede, meine Damen und Herren, ist natürlich von Joe Strummer! Ich darf kurz ausholen: Der Mann heißt eigentlich John Graham Mellor, ist am 21. August 1952 in Ankara als Sohn eines Diplomaten geboren (hat das aber erst viel später zugegeben), wuchs in der öden Londoner Satellitenstadt Croydon auf, verbrachte seine freie Zeit mit Briefmarkensammeln, schmiß 1970 die Art School hin, nannte sich Woody (Guthrie) und hielt sich zeitweise für Bob Dylan - zumindest dessen Entsprechung in den U-Bahn-Stationen um Leicester Square, wo er für seinen Kumpel Tymon Dogg den Hut rumgehen ließ und später selber Lieder grölte. Und schrammelte natürlich, was zur erneuten Umbenennung in Strummer (sagen wir mal: der Schrammler) führte. Zusammen mit seiner Gitarre gammelte und schrammelte er in Europa rum, landete in Wales bei der Band The Rip Off Park Rock 'n' Roll All Stars, gründete eine eigene (The Vultures), trampte 1974 nach London und lebte mit ein paar Kumpels in einem besetzten Haus im Westen der Stadt.

"Dürfen wir jetzt gehen, Herr Professor?"

Ja wie! Jetzt geht's ja erst los! Am 30. April 1976 spielte Strummer mit seiner Band The 101ers - einer ziemlich verlausten, dampfigen Hippie-Kommune, deren aus Chuck-Berry-Rip-offs zusammengenageltes Set aber schon wegen Joes gigantischer Reibeisensehnsuchtsstimme wesentlich besser klang, als sie aussah - im Londoner Club The Nashville Rooms. Nachdem die Vorband fertig war (ein ziemlich unbekannter Haufen namens Sex Pistols), hatte sich Strummers Leben geändert: kein Bock mehr auf unrasierten Pub-Rock, nix mehr mit Goodtime. Ein paar Tage später rief ihn ein Typ namens Bernie Rhodes an, stellte ihn zwei schmächtigen Buben vor und sagte: "Das ist der Kerl, mit dem ihr Songs schreiben müßt." "Ich habe keine andere Wahl", dachte Joe. "Ich muß das tun." Nämlich: die Welt aus den Angeln heben. Am 31. Mai 1976 gründeten Joe, Mick Jones und Keith Levine mit dem "Bassisten" Paul Simonon (der noch nie ein Instrument in der Hand gehabt hatte) The Clash. Der Trommler kam später und ging früher.

"Mach ich jetzt auch."

Halt, hiergeblieben! Na gut, fassen wir die nächsten fünf Jahre kurz zusammen: "the only band that matters"! Die endete so, wie alles begonnen hatte: Joe, Paul und ein paar Typen hingen rum und machten Straßenmusik. Dann machte Joe überhaupt sehr wenig; paar kleine Filmrollen, bißchen Filmmusik, ein Soloalbum, das leider niemand hören wollte. Er sprang als Frontman bei den Pogues ein, spielte hier und da auf Samplern mit, die ab und zu auch erschienen, und suchte sich erst Ende der 90er wieder eine eigene Band zusammen, um die Erfahrungen der letzten Jahre musikalisch umzusetzen und endlich wieder das zu machen, was inzwischen niemand mehr machte: Musik von der Straße für die Straße. Die Band heißt The Mescaleros und mußte sich bei Festivals mit biederen Ami-Circus-Kapellen wie The Offspring von deren Fans solange auspfeifen lassen, bis The Offspring drohten, gar nicht erst zu spielen, wenn man ihrem größten Idol nicht huldige. Joe Strummer ist das alles irgendwie genauso wurst wie der ganze Rummel, der alle paar Jahre um The Clash veranstaltet wird, wenn wieder mal eine neue Generation daherkommt und merkt, wie geil die waren. Joe Strummer spielt seine Lieder, erzählt seine Geschichten und lebt sein Leben. Und macht alle paar Jahre ein neues Album, das jedes Mal so schön ist, daß der Mensch die Fenster und der Himmel die Wolken aufreißt, wenn es ertönt. Und deswegen ist Joe Strummer im Grunde der einzige vernünftige, sympathische Rockmusiker. Und ... Huch! Keiner mehr da? Zahlen!


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer