zurück zur "Frisch gepreßt"-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
 

Frisch gepreßt 18 (August 2001):

Luke Haines - The Oliver Twist Manifesto

Das Medium ist die Botschaft, und eine silbrige Scheibe ist ein silbernes Tablett, auf dem üblicherweise die Wahrheit serviert wird. Doch was ist die Wahrheit? Fragen wir Luke Haines! Untertitel: "or what's wrong with popular culture".

Die Wahrheit ist jedenfalls keine Botschaft, die wir den Medien entnehmen könnten. Die wollen uns entertainen bzw. infotainen bzw. verblöden, je nach dem Grad unserer kritteligen Kritischhirnigkeit. Deshalb lautet der erste Satz auf dem Album: "This is not entertainment!" Natürlich nicht; schließlich heißt "entertain" nichts anderes als "unterhalten", also: unter wie -drücken einerseits und halten wie an der kurzen Leine andererseits, und etymologisch hängen da auch noch die drei Tenöre drin, und die wollen wir nun schon gar nicht.

Und was will Herr Haines? Blättern wir ein bißchen in seiner Geschichte herum: Früher hatte er mal eine Band, die hieß The Auteurs, zu deutsch (in etwa): Die Autorenfilmer; die war zu intelligent für den Britpop-Erfolg. Dann hatte er eine Band namens Baader Meinhof, die war zu intelligent für den Dancefloor. Dann hatte er eine Band namens Black Box Recorder, die machte so schöne und so intelligente Musik, daß ein paar Leute doch zuhören mußten, aber für den großen Erfolg war sie vielleicht zu leise. Jetzt ist Herr Haines allein, d.h.: solo; und daß Herr Haines so böse ist, wie er aussieht, liegt aber nicht am mangelnden Erfolg; den würde er wahrscheinlich sowieso nicht mögen, denn das Scheitern gehört zur Botschaft und ist natürlich sowieso: die Wahrheit. Gewinnen mag Herr Haines ebenso wenig wie Gewinner, lieber macht er groben Unfug (laut Dollheimers Großem Buch des Wissens von 1938: "erhebliche Störung der öffentlichen Ordnung, z.B. durch Ausrufen beunruhigender Nachrichten"), denn das ist zwar eine Sisyphosarbeit, aber im Grunde doch das einzige, was den kollektiven Wettlauf in die Totalverblödung vielleicht ein bißchen durcheinanderbringen kann.

Herr Haines ist eine Art brit-musikalischer Noam Chomsky, dem eines Tages die Verbindung diverser politisch-sozial-kulturell-ökonomischer Relativitätstheorien und Quantenmechaniken zur Großen Vereinheitlichten Gesamtverschwörungstheorie gelingen könnte und dem man deshalb am Tresen lieber nicht begegnen möchte, es sei denn, man steht auf siebenundvierzigstündigen Schwirrkopf und ist sowieso aspirinabhängig. Das Seltsame ist aber, daß aus der ganzen Geschichte am Ende dann doch wieder Musik wird, und zwar eine stellenweise verteufelt schöne, be- aber nicht überfrachtet mit Zitaten (zum Beispiel Abbas "Money Money Money", hihi), mit sehr deutlichen Anklängen an die (hier elektrisch modernromantisierte) Weltmüdigkeit von Black Box Recorder, gefiedert mit Haines' Gesang, der in seiner seltsamen Mischung aus Zynismus, Bedrohlichkeit und Zartheit wie eine absurde Kreuzung aus Johnny Rotten und den Pet Shop Boys klingt, die aber hier gar nicht absurd, sondern völlig passend ist.

Aber, lieber Herr Haines, die ganze Wahrheit ist das (noch) nicht! Ist die seltsame Schreibung der Namen "Astrid Prol" und "Gudrun Ennslin" im Booklet ein Wegweiser in die tiefere Tiefe von Schall, Rauch und Symbolik? Oder nur der Versuch, die Durchsuchung deutscher Plattenläden (in denen Ihr vorvor- oder vorvorvorvorletztes Album wegen des Bandnamens Baader Meinhof gar nicht erst stehen durfte) im Vorfeld zu verhindern? Dann hätten Sie aber besser auch "Andreas Bader" und "Ulrike Mainholst" geschrieben. Immerhin: soviel haben wir schon lange nicht mehr verstanden.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer