zurück zur "Frisch gepreßt"-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
 

Frisch gepreßt 20 (September 2001):

The Strokes - Is This It

Peng! Ab der fünften Sekunde herrscht grundsätzliche Einigkeit: Wow! - Wahnsinn! - Darauf warte ich seit zehn Jahren! - Ein Klassiker! - Eine Revolution! -

Also muß zur Entfachung einer Diskussion zunächst die Ausgangslage geklärt werden: Rock 'n' Roll ist aus, Pop (sowieso) tot, eine hysterische Industrie zerschießt die verbliebenen Erinnerungsblüten zu fauligen Matschhaufen, und die dazugehörige Musik west vor sich hin. Ein paar zufällig herausgegriffene Beispiele zeigen: Alle wollen nur noch langsam und träge dahinschrubben, weil das dann irgendwie nach Groove klingt, ozeanische Gitarrenwände auftürmen, weil das die Melodien ersetzt, und angenervt müde dazu singen bzw. nölen, weil man zu sagen nichts hat. Fünf-zehn-vier-Regel: Die meisten solchen Produkte klingen nach fünf Bier bei Lautstärke zehn im Atomic Cafe irgendwie super, aber nach vier Minuten hat man sie für alle Zeiten vergessen. Und die Typen sehen alle gleich aus. Alles sehr schade eigentlich.

Dabei ist es doch so einfach, siehe Strokes: Die Gitarren klingen nach metallenen Saiten, nach ungestümen Händen, das Schlagzeug knallt wie Holz, Fell und Blech, die Stimme heult, kräht und, hm, na ja, singt wie Feuer im Bauch, und die ganze Band spielt so schnell, daß es einen sofort mitreißt; ich nenne das jetzt mal New York City Groove. Das ist so erfrischend wie sprudelndes Eiswasser an Saunasommertagen, und so neu wie ...

Einspruch! Zum Glück hat eine fürsorgliche Hand aus dem Freundeskreis kürzlich meine zerkratzte Uralt-LP-Ausgabe der ersten XTC durch CD ersetzt, und da zeigt sich: Wenn man sich den Überschnapp-Gesang von Andy Partridge und den Kinderorgel-Wirrwitz wegdenkt, dann ...

... ist das noch lange nicht dasselbe, auch wenn's genauso wunderbar billig, direkt und kompakt produziert ist. Denn ...

... es ist der junge Iggy Pop, der da durchs Telephon singt; begleitet von den jungen Velvet Underground ...

... die aber manchmal so spielen wie Blondie auf ihrer ersten LP. Oder Television. Oder Richard Hell & The Voidoids. Oder Mink De Ville. Oder die New York Dolls ohne Verzerrer. Oder ...

... wir nennen das einfach: New York City Coolness. Ist doch egal, ob es alt ist oder nicht, es klingt jedesmal, wenn es plötzlich da ist, wie neu. Leider passiert es nur alle 15 oder 20 Jahre.

Und die örtliche Einordnung führt auch in die Irre. Stimmt zwar, aber eigentlich hört sich das doch verdammt englisch an. Die Beatles haben anfangs auch nicht viel anders geschrammelt und getobt (wenn auch gesungen). Sagen wir besser: New Wave New York City British Invasion Groove Beat Coolness.

Super! Mit so einem einfachen, griffigen Etikett werden auf der ganzen Welt Milliarden von Leuten sofort was anfangen können!

Dann sagen wir mal so: Ende Juni haben The Strokes in London gespielt, vor 1.200 Leuten im Heaven, wo nur 1.000 reinpassen, Karten gab's auf dem Schwarzmarkt für 180 Pfund. Chrissie Hynde war da; vielleicht wollte sie mal wieder hören, wie die Pretenders einst klingen wollten. Thom Yorke war da; vielleicht wollte er mal wieder junge Musik hören. Kate Moss war da, James Dean Bradfield, Neil Tennant. Na ja, vielleicht war der eine oder andere schon am Tag davor in Oxford, aber egal: Alle waren da. Und alle, noch mal: Alle waren so begeistert, daß man jetzt richtig Angst kriegen muß.

Und wie die Jungs heißen! Nick Valensi! Julian Casablancas! Nikolai Fraiture! Fab Moretti! Albert Hammond Junior (sein Papa hat vor 30 Jahren mal behauptet, er sei ein Zug und in Südkalifornien regne es nie). Und wie sie aussehen, fucking hell! Vielleicht ... ja, vielleicht hat der Rock 'n' Roll doch noch eine Zukunft.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer