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Frisch gepreßt 21 (September 2001):

Buzzcocks - Singles Going Steady

Man meint ja oft, daß es kracht, wenn was passiert, und wenn man zurückdenkt, stellt man fest: Na ja, bißchen rumms, aber längst vergessen. Aber manchmal ...

"Bitte was? Worauf soll denn das hinauslaufen?"

Also so zum Beispiel: Du gründest eine Band, und du gründest ein Label, und dann stellst du fest, daß es das erste Independent-Label überhaupt ist. An dem Tag, als deine erste Single erscheint, steigt dein Frontmann und Sänger - nennen wir ihn Howard Devoto - aus, weil er feststellt, daß er gar nicht mehr Ambitionen hat.

"Tja, Pech und Glück, je ein Stück, wie der Volksmund sagt."

Dann unterschreibst du einen richtigen Plattenvertrag, und als du aus dem Firmengebäude wieder rauskommst, stellst du fest, daß Elvis Presley gestorben ist.

"Hoppla."

Einen Monat später ist der Gitarrist und jetzt auch Sänger - nennen wir ihn Pete Shelley -dabei, den Gesang für die erste "echte" Single aufzunehmen, als er erfährt, daß ein paar hundert Meter weiter gerade sein größtes Idol, Marc Bolan von T.Rex, an einen Baum gefahren ist. Tot.

"Ja Himmel! Was ist das hier? Geht das so weiter? Noch zwei Bier bitte! und fünf Fernet!"

Nö, jetzt wird's besser. Jetzt kommt nämlich diese Single raus, "Orgasm Addict" heißt sie, im Herbst 1977, und obwohl der Punk-Rock-Sturm nur so bläst und phantastische Singles wie Blätter von den Bäumen fallen, ist diese doch noch ein Stück besser. Und dann kommen zwischen Februar und November 1978 gleich fünf Singles nach, eine besser als die andere: "What Do I Get", "Love You More", "I Don't Mind", "Ever Fallen In Love (With Someone You Shouldn't've)" und "Promises"; dazu zwei Alben, ohne die, wer sie damals hörte, bis heute nicht leben mag. Und dann kamen noch zwei Singles und noch ein Album, und dann war alles plötzlich vorbei, kurz nach einer USA-Tournee, für die eigens eine LP mit allen Singles und B-Seiten zusammengeschustert wurde - hübsch Radio-DJ-freundlich getrennt auf je einer Seite und ohne Ahnung, daß aus dem Schnellschuß ein Klassiker der 70er Jahre werden sollte. Und erst im Nachhinein, wenn man an einem grauen Frühherbsttag über 20 Jahre später die neu aufgelegte CD-Version von "Singles Going Steady" (erweitert um die drei allerletzten Singles und fünf B-Seiten) heimträgt und auflegt und wie elektrisiert gelähmt dasitzt und denkt: Das kann doch nicht wahr sein, daß diese Aufnahmen 20 Jahre alt sein sollen? - dann erst merkt man, wie sehr das damals gekracht hat, Presley und Bolan hin oder her. Im Regal werden die Supergrass-Platten rot vor Scham, und draußen fängt die kalte Stadt plötzlich an zu leben und flüstert mit verheißungsschwangerer Stimme: Weißt du noch? Erinnerst du dich an graue Nachmittage im Herbst 1978, als im Fernsehen die unsägliche "Pop"-Serie "Rock Follies" lief und du dachtest: Warum warum warum warum kann die Popmusik nicht endlich GANZ TOTAL ANDERS werden! Wegen der blöden Übersetzung hast du den Spruch am Ende jeder Folge gar nicht mitgekriegt, der dieser Band ihren Namen gab: "It's a buzz, cock!"

"Mein Gott, du redest von den Buzzcocks?! Sag's doch gleich, dann brauchst du doch gar nicht weiterreden! Everybody's Happy Nowadays! und Prost!"

Inzwischen gibt es die Buzzcocks wieder und noch; sie touren emsig über die Dörfer und machen manchmal Platten, aber das spielt keine große Rolle. Die Buzzcocks waren und sind bloß eine Band, vier Männer und eine Handvoll Songs. Aber, wenn man sie im richtigen Moment erwischt: WAS für eine Band! WAS für Männer! und WAS für geile Songs!


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer