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Frisch gepreßt 22 (Oktober 2001):

Die Aeronauten - Bohéme Pas De Probléme

Über einen neuen, ganz schlimm "ergreifenden" Roman meldete neulich der Verlag, die Autorin habe ihn "mit einer Stimme" geschrieben, "die direkt aus dem Herzen kommt". Das stellt man sich wenig erfreulich vor: erstens, daß überhaupt jemand mit seiner Stimme schreibt, denn die momentan erhältlichen Spracherkennungsprogramme taugen höchstens zur Arbeitsbeschaffung für Korrektoren und Kryptologen; zweitens: wenn die Stimme dann auch noch aus dem Brustkorb herausblökt ...

"Soll ich die Erbsen holen? Dann kannst du sie zählen."

Oder anders: Man weiß ziemlich viel von unserem König Ludwig eins selig, zum Beispiel, daß er uns den Englischen Garten geschenkt hat. Aber daß der Monarch auch ein veritabler Dichter war, ist durchaus nicht jedem geläufig. Aber der Mann hatte ganz bestimmt eine Stimme, die direkt aus dem Herzen sprach! Man höre und staune: "Plötzlich, allgewaltig, wie ergriffen / Vom unwiderstehlichen Geschick, / Schleudert zu der Leidenschaften Riffen / Immerfort den Menschen die Musik."

"Was manche Leute so zusammendichten, ist schon königlich. Aber andere kennen beim Singen auch nicht mehr Hemmungen: ‚Hier ist ein alter Schinken, zieht euch aus und reibt euch ein!' Waaaaahahaha! Oder: ‚Mach mich staubig'! - und das von einem Mädelchor! Wie soll man denn das hören, ohne so laut zu lachen, daß man es nicht mehr hört und deshalb auch nicht lachen muß und deshalb ... ähem."

Achtung, ein Zeitparadoxon! Da droht ein schwarzes Loch! Vernunft spricht: Der König hat vollkommen recht (auch wenn es ihm im Schleudergang die Sinne ein wenig arg allgewaltisiert hat); zum Beispiel höre man das Lied über den schwarzen Fluß auf dem letzten Album der Aeronauten! Das ist der pururnatürlichen Leidenschaft Riff!

"Und jetzt singen sie von Schinken, die stauben?"

Das muß man eben richtig perzipieren. "Wenn man weiß, wie es sein muß, ist nicht viel zu gewinnen"! Dann wird am Ende alles gleich, und schon sitzt man in der Hamburger Schule und hat sein Pausebrot vergessen. Übrigens kommen die Aeronauten aus der Schweiz, da weiß man neben der Gitarrenbenutzung auch darüber Bescheid, wie man ein fröhlich Horn bläst, daß es nur so mattert!

"Oder hier: ‚Cherchez de patates' oder so. Gefunden haben sie dann aber keine Kartoffeln, sondern Kakteen. Das kommt davon, wenn man in fremden Ländern was zu essen bestellt. ‚Zehn verschiedene Arten, deine Tür zu öffnen'! Jetzt bin ich aber gespannt! Ich meine, wenn sie sie nicht selber aufmacht, wird sie schon einen Grund haben?! Aha! Die nächste Nummer heißt ‚Die neue Tür'!"

Da geht es aber um was ganz anderes: "Diese Welt ist nicht stark genug, soviel Glück zu tragen." Wir sollten ihr helfen! Oder, mit Ludwig gesagt: "Den eng seyenden Raum faßt nicht das große Gewühl."

"‚Es ist uns nicht ganz klar, wovon wir reden'! Zumindest muß doch wenn überhaupt der Raum das Gewühl fassen? Und wenn er eng genug seyend tut, dann gibt es doch erst ein Gewühl, das dann ...

Achtung! Ein Raumparadoxon! Da droht ein bohemisches Dorf! In solchem Falle ist selbst die Musik überfordert.

"Stimmt nicht, denn: ‚Immer schön die Klamotten zusammenhauen'! Hat noch nie geschadet. Übrigens ist das alles sehr luftig und lustig hier! Außer ‚Safari' - da ist ‚Schluß mit dem Geheul', da wird gar nicht gesungen. Das erinnert auch eher an eine Safari durch die Großstadtschluchten, um 4 Uhr morgens nach einer wilden Nacht."

Wie spät ist es eigentlich? "Was die Horen, die flüchtigen, bringen, genieße; denn flüchtig ist die Gabe wie sie, schwebet in Eile vorbey." Guten Morgen, Majestät!


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer