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Frisch gepreßt 23 (Oktober 2001):

Pulp - We Love Life

Wenn die meisten Fragen beantwortet, id est: in der Thesengülle halbvergorener Reflexion anständig verklappt worden sind, bleibt am Ende nur eine: "Und nun?" - zum Beispiel nach ordnungsgemäßem Rundgang durch den Sozialsud gehobener Musikstarkreise, in denen nach Kräften gewichtelt und gewichtigt wird. Solcher Frage unversehens, aber dank gehobenem Horizont nicht gänzlich unvorbereitet konfrontiert sah sich dereinst auch Pulp-Hirn und -Stimme Jarvis Cocker, während er bei irgendeiner absurden Gala in einem Crescendo mißmutiger Alkoholisiertheit Zeuge des noch absurderen Ein-Mann-Welterrettungs-Theaters eines Herrn Michael Jackson werden mußte, der seinen hochtrabenden Titel "King of mindestens Schmopp" damit rechtzufertigen unternahm, daß er inmitten einer Schar messianisiert-devoter Kinderlein den Plastik-Christus als japsenden Schmerzensmann gab, dessen Schultern nicht nur das akkumulierte Taschengeld von Millionen Viertelwüchsigen, sondern auch den geballten Schmerz der "One World"-Menschengemeinde zu tragen simulierten. Es war ein rechter "Earth Song" (sprich: "Örtz", vulgo: "würg, rülps"), den der Päderastieverdachtumnebelte da aufführte, und Jarvis Cocker hatte irgendwann Schnauze, Kragen und mehr so voll, daß er pfeilgrad zur Bühne stürmte, sie erklomm, den söhnungstrunkenen Kameras den Hintern präsentierte und diesen neckisch schwingen ließ - Blasphemie! erscholl sofort der Ruf, und hinterher wurde gar noch behauptet, Jarvis habe das eine oder andere Staffagen-Kind "geschubst", was gar nicht wahr war.Der hirnbegabte Teil der Welt applaudierte frenetisch - endlich mal den Jackson demystifiziert, entlarvt, spottreif geklapst; und gar noch lustig, das Ganze!

Der "King" wollte danach nicht richtig wieder werden, er kränkelt seither krisig durch sein fünftes Lebensjahrzehnt; anders Jarvis: Dessen schlaue, hübsche, tolle Poplieder hörten nun zeitweise alle, bis er das Triumphbad im Milieumeer der "Common People" mit dem gar nicht mehr so leicht befahrbaren Album "This Is Hardcore" beendete und zurückkehrte in die Kreise und Herzen derer, die nichts mögen, was alle mögen, ihn und Pulp und solche Sachen aber mindestens seit 1983 oder noch viel länger, als er noch Ray Davies hieß und mit den Kinks ...

"Na hoppla! Jetzt wird's aber blümerant!"

Tüdelühü! Kann ja mal passieren. Wo war ich?

"Ziemlich am Anfang. Oder am Ende?"

Na jedenfalls! Jarvis stellte fest: "Irgendwann schaust du dich um und bemerkst, daß du nur noch mit Egomanen zusammen bist. Das neue Album war also eine mehr oder weniger notwendige Selbstreinigung. Es war, als steckten wir in einem langen, dunklen Tunnel und täten Dinge, die uns selbst gar nicht so sehr gefallen. Deshalb haben wir beschlossen, einen Weg zurück ans Licht zu graben."

"Wow, wie salbungsvoll! Und: ist er angekommen?"

Nun, es geht schon noch mal hinab - durch die Kanalisation von Sheffield, die in "Wickerman" als Allegorie für die düsteren Bereiche des Teenager-Herzens steht. Aber es geht auch hinauf zur Sonne, zur Freiheit, Brüder - in "Weeds". Da steht das unausrottbare Unkraut als Allegorie für die Lebenskraft der, ähem, Arbeiterklasse.

"Der was?"

Na ja, ähem, wie auch immer. Es gibt insgesamt jede Menge Natur, Psychologie, Drama, Weisheit. Und Scott Walker als Produzent!

"Salb! Salb! Taugt's was?"

Da bleibt am Ende, wenn der letzte Ton verklungen und das letzte Wort gesungen, wohl nur eine Antwort: Ja, und wie!


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer