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Frisch gepreßt 24 (November 2001):

The Stranglers - Black & White

So! Und heute sind wir mal alle ganz böse. Achtung: allgemeines Grummeln und Zähnefletschen!

GRRRRRR! Fletsch! Fletsch!

Und zwar: Spießer! Hippies! Bamsler! Dürrapsen! Fettsäcke! Intellos! Deppen! Schwächlinge! Alle raus! Hier wird jetzt ledergerockt! "Home is a black leather jacket!" Und noch mal zehn Bier her, alte Wirtsau!

Worum es geht, ist: daß die bis dahin selber nicht ganz aller Weichheiten und Pussy-Romantizismen ledigen vier Stranglers-Männer sich und ein paar ausgewählte Presseleute am 1. Mai 1978 in Island versammelten - das auf englisch nicht umsonst Iceland heißt -, um ihr drittes Album vorzustellen. Dazu kommen wir später. Die Band stellte sich also neben ein paar Vulkane, sah bedrohlich aus, alle tranken ausgiebig gegen die Öde an, und schließlich gab es einen Gig vor drei Prozent der Inselbevölkerung, die sich nach systematischer Abfüllung mit Fusel am Ende Flaschen über die Köpfe schlug. Dazwischen nützten die Stranglers die Gelegenheit, sich an den Journalisten für schlechte kritiken zu rächen: Einer wurde von Hugh Cornwell öffentlich beleidigt, einer fiel vom Pferd (weil "jemand" seinen Sattelgurt gelockert hatte), einer wurde von "jemandem" in einen Geysir geschubst, einem flößte JJ Burnel eine Flasche Vat 69 auf einmal ein, dann wurde er im Rollstuhl aus dem Bus geschoben und bewußtlos in die Mitte eines Promo-Photos gestellt. Das nennt man Humor! Darauf noch eine Runde!

Nun zur Musik! Die bricht los wie eine Steinlawine: Nach drei Sekunden "Tank" war klar, daß hier die böseste aller Bands am Werk war, schwarz wie die Nacht und weiß wie die Flamme eines Schneidbrenners. Mit dem zerlegten sie alles, was an populärer Schönmusik in damaliger Reichweite war, schmissen Orgelscherben und Baß-Stacheldraht dazwischen und schraubten die Trümmer zur rohsten, kantigsten, aufregendsten Pop-(!)-Musik zusammen, die man je gehört hatte. "Nice N' Sleazy" hat mancher noch im Ohr, aber was das damals für einen braven Teestuben-Reggae-Hippie bedeutete, läßt sich nur noch ungefähr erahnen. Das ist aber nur der Anfang: Hinter der einlullenden Fassade von "Outside Tokyo" lauert der nihilistische Horror; "Hey! (Rise Of The Robots)" wird durch die plötzliche Melodiefaust noch bedrohlicher, als es zuvor dank Lora Logics Sax-Raserei sowieso schon war, "Sweden (All Quiet On The Eastern Front)" schallt orkanartig durch düstere Leere, während Hugh Cornwell lateinische Namen von Wolkenformationen rezitiert. "Toiler On The Sea" zerfällt zu bröseligen Splittern, "Curfew" führt das Wort "Gesang" ad absurdum, "Threatened" schnarrt dahin wie ein eisiger Todesmarsch, noch überboten von "In The Shadows". "Do You Wanna" ist eine akustische Auspeitschung (des Hörers), und "Death And Night And Blood (Yukio)" ist ganz einfach das, was der Name sagt - zum Mitgrölen. "Have You Got Enough Time?" ist die letzte aller Fragen. Bestimmt nicht genug, um diese Platte so oft zu hören, wie man sie hören möchte und muß. Und dies an all die "bösen Buben" zwischen Gruft und Metal mit ihrem lächerlichen Ketchup-Theater: Hier ist der Finger!

Auf der CD-Version sind noch sechs Gründe mehr für grimmiges Grinsen: der arrogant-billige, in diesem Umfeld fast schon versöhnlich traditionell wirkende Sehnen-Rocker "Mean To Me", die grandiose 6:20-Version von Burt Bacharachs "Walk On By", das kurze und schmerzhafte "Shut Up", "Sweden" auf - wer hätte das gedacht? - schwedisch, die Primitiv-Blödheit "Old Codger" mit Jazz-Sänger George Melly und der Live-Jam "Tits" (inklusive launiger Bandvorstellung: "Die Drecksau, die da hinten so schwitzt, heißt Dave Greenfield!"). Fertig ist der Klassiker und das perfekte Mittel für und gegen jede Wut dieser Welt. Daß die Stranglers in den historischen Abhandlungen zu Punk und New Wave so selten vorkommen, liegt übrigens daran, daß die meistens von Jon Savage geschrieben (oder abgeschrieben) werden. Und dem hat JJ Burnel 1978 eine aufs Maul gehauen hat, weil er "Black And White" bloß drei Sterne geben wollte.

Ein letztes Mal: Grrr! Und wenn wir jetzt noch zehn, zwölf Runden bestellen, dann sehen wir morgen auch so unheimlich schmuck aus wie Jet Black auf dem Cover. Dem ging es damals gar nicht gut, hähä ("the mother of all hangovers")! Und dann sind wir wieder lieb.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer