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Frisch gepreßt 25 (November 2001):

Bazille Noir - Bazille Noir

Dobony sieht schwer geprägt aus, ungefähr so wie ein Fünfmarkstück, das jemand in einen Pfennig umgeprägt hat, also anders gesagt: so wie jemand, den das Leben nicht etwa überfahren hat, sondern mit einer Kolonne von Panzern und Dampfwalzen ... na ja, geprägt. Jedenfalls: müde.

"Ach ach, das Leben", flüstert er.

"Wie wär's mit einem Kanister Kaffee?" schlage ich vor.

"Und wo soll ich den bitteschön hineintrinken?" fragt er. "Wenn ich meine Speiseröhre oben öffne, werden wir umgehend erfahren, was ich gestern außer einer bunten Palette von Erzeugnissen der deutschen Brau-, Brenn- und Winzkunst noch so zu mir genommen habe. Das will ich gar nicht wissen."

Das will niemand wissen; in diesem Fall empfiehlt die hohe Schule der Leib- und Seelenwiederherstellungskunst die Zufuhr von Therapeutica, die zur Reizung von Körperöffnungen bestimmt sind, deren Bau und Funktionsweise einseitig ist, d.h. daß eine Entleerung unter nicht-extremen Bedingungen und Begleitumständen weitestgehend ausgeschlossen werden kann, d.h.z.B.: Musik. Und zwar am besten solche, die frei ist von allem Körperlichen, als da wären Säfte, Dünste, Räuche, des weiteren Muskeln, Fette, Gallert und Haare; idealerweise sollte solch Getön das Gefühl erzeugen, gänzlich astralisiert und befreit von irdischer Schwere und Schwäre in einem All zu schweben, wo die Sterne in aproximativ unendlicher Entfernung sanft pulsieren, während im Umkreis von zehn Lichtjahren einfach gar nichts ist außer einem filigranen Netz aus körperlosen Tönen, das eine ebenso körperlose Wärme von etwa 36,7 Grad verströmt und ... plapper, rhabarber, dozier.

"Uff! Kannst du bitte mit dem Klugscheißen aufhören? Ich brauche Ruuuhe!"

Dobony schließt die Augen und - Hoppla! - beginnt zu verschwimmen; sein Umriß bleibt erkennbar, aber durch ihn hindurch ist deutlich der Parkettboden zu sehen, der jetzt ein leise quäkendes Geräusch von sich gibt, weil sich mit Dobonys substantiellem Bestand auch sein Gewicht verflüchtigt hat. Und um das Phänomen herum sprudelt, schäumt, ergießt sich ein an- und abschwellender Strom von easy swingendem Rhythmus, robotischen Blasblechen, Photonen-Bässen, tiefen Klaviersaiten, transplutonischen Stimmen, Spursignalen aus dem galaktischen Energieumwandler, die manchmal auch im eigenen Kopf entstehen. Wir könnten das "Easy Electronic Blues-Bossa Dub Swing" nennen, aber wird uns jemand verstehen?

"Stöhn! Isi? Dapp?"

Verhall. Nun ist Dobony fast verschwunden. Auch das Bücherregal hat sich gelichtet: Das zwölfbändige Regelwerk der coolen Musik des 20. Jahrhunderts hat sich dematerialisiert und schwebt als plasmatischer Diamant zwischen zweiter und dritter Dimension; die Zeit hingegen rieselt als feiner Schnee zu Boden und bildet einen weichen Teppich, in dem sich immer mal wieder kleine Paradox-Pluder aufblähen. Alles treibet, waberet, entselbstet; ach ... Hören wir da verwehte Echos von Klängen, die wir kennen? aus jener verträumten Bar am Malecon in Havanna 1931, als wir noch lange nicht geboren waren? von der Somnambul-Safari ins schwarze, äquatoriale Herz der Venus? aus sternstaubdurchwehten Nächten auf dem Schiffsfriedhof im Schatten des Sirius, damals, als ...

Vorsicht! Dieser Gedanke war etwas zu deutlich. Plumps! ist der CD-Spieler wieder materialisiert und blinkt leutselig mit der Repeat-Taste. Buff! ist der Zeitschnee geschmolzen und verdampft, auch Dobony wieder in vollem Umfang vorhanden, sieht sich mit traumseligem Fernblick um und flüstert: "Huch? Was ist denn das plötzlich für ein Lärm?"

Aber das ist ja bloß die große, dröhnende Stille nach der Ankunft. Die Erde hat ihn wieder: geheilt.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer