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Frisch gepreßt 26 (Dezember 2001):

Samba - Komando

"So kann man die Frage nicht stellen!"

Ähem, Moment mal - Rückspultaste!

"!nelletsthcinegarfeidnamnnakos - ?nieshcilbehreremmiettalpenießum: hcodtetualegarfeid" - Puh! -

Die Frage lautet doch: Muß eine Platte immer erheblich sein?

"Keine Platte ist IMMER erheblich!"

"Daß eine Platte erheblich sein soll, ist ein grundsätzlicher Widerspruch! Platt - erheblich - q.e.d!"

Und doch gibt es enorm erhebliche Platten, zumindest im Unterschied zu den doch ganz ganz vielen unerheblichen, und doch ist die ganze Sache paradoch, äh, -dox; denn die meisten der erheblichen Platten haben es an sich, daß man sie zwar zwanghaft kaufen und haben und jedem davon erzählen muß, aber das, was man mit einer Platte eigentlich machen soll, das tut man nicht damit: anhören nämlich. Wer könnte von sich behaupten, täglich beim Frühstück, bei der Arbeit oder beim Abendbrot, sagen wir mal: "Metal Machine Music" anzuhören? oder auch nur die Sex Pistols? oder meinetwegen "Bitches Brew"? oder The Prodigy? Nein, da greift man zu anderen Dingen. Zum Beispiel zu Sambas neuem Album, das nachweislich ganz unerheblich ist. Wenn die anderen "Zerschmettert die Welt!" brüllen, singt Knut Stenert "La la." Und sagt selbst: "Einer schweigt und alle schreien." Das ist schön, das ist gemütlich, da bleiben die Gäste länger und werden noch schöner, und wenn sie dann weg sind, läßt man die Platte beim Abspülen noch mal laufen und merkt, daß Knut Stenert gar nicht "la la" singt, sondern ganz wunderbar poetische Sachen. Zum Beispiel: "Die einzigen, die hier sind, sind wir." Oder: "Sitz ich am Wasser und warte lange, das geht vorüber, mein Schiff fährt langsam, ich halte Ausschau nach einer Chance, steht die Welt leer und ist das der Anfang." Und am nächsten Morgen kann man es gar nicht erwarten, aus dem Bett zu kommen und irgendwas zu tun, wobei man wieder Samba hören kann. "Für heute morgen habe ich genug Schlaf, zwei ganze Stunden, als mich dein Traum traf. Ich schalte das Licht an, sehe dein Gesicht an. Das tut gut, Dunkelheit geht, wenn du kommst." Und zehn Jahre später hört man wieder Samba und stellt fest: Ganz unbemerkt ist aus der netten Platte der Soundtrack zu einem ganzen Lebensabschnitt geworden und ... hoppla, da hab ich mich jetzt wohl verheddert!

"Genau: der Soundtrack zu einem Lebensabschnitt kann nicht unerheblich sein."

"Kann er doch: nämlich für alle anderen und den Rest der Welt. Andy Warhol sagt: ‚Wenn ich etwas lange genug betrachte, verliert es alle Bedeutung.' So wie hier der ‚Common Pullover!': ‚Du weißt, Entertainment will Rebellion. Jetzt kannst du mich ruhig ausschalten.'"

Da warten wir lieber noch ein bißchen. Die letzten Worte erklären wie immer alles: "Und du wirst kleiner und läßt mich allein mit deinen Pflanzen. Immer nur dich, immer." So ist es und mehr eigentlich nicht zu sagen. Eine Welt aus Antworten, und wir haben keine Fragen. Nur noch die eine, und die beantworten wir jetzt mal so:

Muß eine Platte immer erheblich sein? Im Prinzip nein, weil wenn sie unerheblich und trotzdem gut ist, dann wird sie doch wieder erheblich, allerdings nur für den, für den sie erheblich ist, während eine repräsentative Erhebung über ihre Erheblichkeit erhebliche Probleme bereitet. Puh! Und jetzt drücken wir auf "Repeat", und dann erheben wir uns die nächste Stunde nicht mehr, sondern machen uns einen Lebensabschnitts-Soundtrack.

"kcartdnuossttinhcsbasnebelneniesnu ..."

Huch! Sorry, das war die Rückspultaste.

(Special Thanks to O.Pu.)


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer