zurück zur "Frisch gepreßt"-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
 

Frisch gepreßt 27 (Dezember 2001):

Ryan Adams - Gold

Sagen Sie, guter Mann, was ist denn das dahinten?

"Daff, meim Pfreum ..."

Aber so nehmen Sie doch bitte zum Sprechen den Getreidehalm aus dem Mund und stellen ihn inzwischen in Ihre Whisky-Flasche! Da bleibt er frisch.

"Ach so. Well, okay, mein Freund. Das da, das ist Oklahoma, oder Indiana, Virginia oder Tennessee, oder wie Sie wollen, es ist jedenfalls: America!"

Aha. Und was ist das, was Sie da anhaben?

"Das sind Boots, mein Freund, und Pants, ein Shirt und ... na ja, was man in America eben so trägt, als Mann im Land der Männer."

So so. Und was ist das, was da läuft?

"Well, das ist great! Das neue Album von Ryan Adams!"

Bryan Adams? Herrje! Nichts wie weg hier! Goodbye!

"Nein, warten Sie doch! Ohne B, nur Ryan! Der andere ist doch Kanadier, was glauben Sie denn, wo Sie hier sind? Hören Sie doch erst mal zu!"

Hm. Nun, ich würde sagen: Das ist Musik, die nur auf einem Label erscheinen kann, das mindestens "Lost Highway" heißt. Ich würde weiterhin sagen: Da wird soviel Standard-Dur-&-Moll geklampft, daß die Standard-Texte von Liebesleid und Lost-Highway-Leben kaum mehr dazwischen passen, alright - das ist allerdings America, mein Freund, und da es das nun mal ist, gehe ich davon aus, daß der Mann, der sicherlich seit 25 Jahren Levi's 501 und University- oder Football-T-Shirts trägt, früher bei einer Band gespielt hat, die mindestens Whiskeytown hieß, und daß er für dieses Album mindestens 100 in etwa gleichlautende Songs geschrieben hat, von denen es dann "nur die besten 16 aufs Album geschafft" haben, wie man so schön sagt, zwinker zwinker. Weiterhin vermute ich, daß ihm Neil Youngs Holzfällerhemd-Epoche nicht gänzlich unbekannt ist, was wohl auch für die Rolling Stones der Jahre 1968 bis 1972, den frühen Bob Seger, den späten Tom Petty sowie eine hübsche Portion von den drei Milliarden Bands gilt, denen diese ebenfalls nicht ganz unbekannt sind oder waren. Langer Rede kurzer Sinn: Yeah, dies ist America!

"Sagen Sie mal, irgendwie höre ich da eine Spur Defätismus heraus. Sie sind doch nicht etwa Musikkritiker?"

Aber woher, my friend! Ähem, ist das eine Rifle, die Sie da hinter dem Rücken halten? Ach wissen Sie, objektiv betrachtet ist es ja so: Ihre große Nation hat der Welt Kaugummi, Fast Food und US-Rock geschenkt. Für alle drei gilt: Verläßlichkeit ist Trumpf, Gleichförmigkeit ist Verläßlichkeit, und wenn Sie morgen einen Streifen Wrigley's in den Mund stecken und er schmeckt plötzlich nach Ananas mit Weißwurst und Koriander, dann war es wahrscheinlich der letzte, den Sie gekauft haben. Und dann ärgert sich der Gummiproduzent, weil er pleite geht, und Sie ärgern sich, weil Sie keinen Gummi mehr bekommen. Deshalb ist das schon alles gut und schön so hier auf dem Planeten America.

"Hoppla, Freund, Ihre Nase ist aber lang geworden!"

Das, äh, kommt vor. Haben wir gleich; dazu muß ich bloß kurz wieder subjektiv werden: Ryan Adams sieht aus wie ein 08/15-Ami, klingt wie ein 08/15-Ami und ... trotzdem ist "Gold" eine wunderbare Platte, denn die Songs sind rund und gut wie Brot. Und, mein liebes Näschen, laß mich dies noch hinzufügen: Leuten, die sowieso alle Ami-Platten kaufen, wird diese schmerzlich fehlen, wenn sie sie verpassen. Und für Leute, die bloß alle 20 Jahre eine Ami-Rock-Platte kaufen, ist "Gold" genau die richtige, um wieder mindestens 20 Jahre ihre Ruhe zu haben. Na? Schrumpf, schrumpf. Na also. Und Sie, mein Freund, hätten nicht zufällig ein Paar Boots und Pants übrig? Ich habe gerade so einen Anflug.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer