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Frisch gepreßt 29 (Januar 2002):

New York Dolls - From Paris With Love L-U-V

Ach, der holde Frühling naht, die ersten Blüten sprießen schon ...

"Das sind Eisblumen, Depp!"

(Geräusch schabender Fingernägel) - Huch, stimmt! Um so besser für meine These! Denn der Winter ist die Zeit der Wiedergeburt und der Wiedergänger. Die Indizien sind erdrückend: Nicht genug, daß man uns derzeit eine bei 90 Grad gewaschene Kunstfaser-Version von The Jesus & Mary Chain als heißestes Ding überhaupt vorsetzen will, daß die Öden Hosen einfach nicht tot werden wollen und daß die Konzertveranstalter mal wieder glauben, das Wort "Urgestein" sei das verkaufsträchtigste Argument überhaupt. Nein, nun sind auch noch die Wiedergänger schlechthin einer erneuten Veröffentlichung für wert befunden worden: die New York Dolls, jenes vor 30 Jahren in einem Fahrradgeschäft am Central Park gegründete Kollektiv von Extrem-Polytoxikomanen, dem in den seither vergangenen Jahren fast mehr Mitglieder weggestorben sind, als es je zu einem bestimmten Zeitpunkt hatte, und das mit zwei Original-Tonträgern und einer aktiven Zeit von etwa drei Jahren laut Auskunft von Experten praktisch alles ausgelöst, beeinflußt, bestimmt und verändert haben soll, was danach kam.

"Was? Diese Eruption aus verstimmten Kaufhausklampfen und einer asthmatischen Giraffen-Tunte mit Jagger-Komplex als Sänger?!"

Man nannte das damals Glamrock, was sich im New Yorker Mercer Arts Center abspielte, einer Art Heizungskeller mit Glitzerbespannung. Da traten, nachdem die Dolls im April 1972 den Startschuß gegeben hatten, u.a. Wayne County und Suicide auf, und hier beginnt der vielstimmige Chor von echten und angeblichen Zeitzeugen, der zu der Vermutung Anlaß gibt, es habe bei jedem New-York-Dolls-Konzert jeder Zuschauer in den Hosentaschen vier weitere Leute dabeigehabt und jede jemals verkaufte Dolls-Platte fünfzehnmal den Besitzer gewechselt. "Mit das Aufregendste, was ich je gesehen habe", berichtete der Photograph Bob Gruen, der sich in einem Fellini-Film wähnte und das ohren- und augenbetäubende Chaos zu "Kulturpolitik" erklärte. Weitere Zeugen: Todd Rundgren (produzierte das erste Dolls-Album), Patti D'Arbanville, Lou Reed (fand die Band "niedlich"), David Bowie (schrieb danach "Watch That Man"), Mott The Hoople (befahlen ihrem Gitarristen, sich jede Bewegung von Johnny Thunders genau zu merken), Morrissey (schrieb ein ganzes Buch über die Band und behauptete: "Ich war 13, und das war mein erstes emotionales Erlebnis. Am nächsten Tag war ich 21!"), Steve Jones (sah die Dolls im Vorprogramm von Rod Stewart & Faces und gründete als Mischung aus beiden die Sex Pistols), Kiss (wollten den Dolls die Mädchen abjagen, sahen aber ein, daß es zwecklos war, schöner als sie sein zu wollen, und wurden deshalb zu Monstren), Television (Richard Hell gründete danach mit Johnny Thunders die Heartbreakers), Debbie Harry, die Ramones (probten nebenan und lernten dabei eine Menge) ... Die Dolls sahen nicht nur aus wie eine explodierte Tonne voller Haarspray, Pornoheften, Glitzerpulver, Pfauenfedern und Rod Stewart, sondern sie waren auch die Erfinder der US-Variante des Punk, die was ganz anderes war als der heutige Katalog von rülpsenden Hydranten. Ihr letzter Manager hieß übrigens Malcolm McLaren.

"Das mag ja alles sein! Andererseits sind die New York Dolls auch schuld an solchem Zeug wie Hanoi Rocks, Tubes, Quiet Riot, Guns N' Roses und Aerosmith, pfui!"

Aber dafür konnten sie ja nichts. Und deshalb hören wir uns lieber das Original an, aufgenommen vor genau 28 Jahren live in Paris und so kaputt, rasend wahnsinnig, bedröhnt, vulgär, überkandidelt, hyperrealistisch, sexy, grauenvoll und blendend schön wie nur eine einzige Band in der Geschichte der Menschheit.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer