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Frisch gepreßt 30 (Februar 2002):

Division Of Laura Lee - Black City

Werte Kollegen, liebe Schwestern und Brüder im Geiste! Ich heiße Sie willkommen zum Jahreskongreß der Musikologen, dessen Ziel es wie immer ist, Grundströmungen der mehr oder weniger populären Musik zu erkennen und in griffige Phrasen zu gießen. Ausgehend von der klassischen Theorie meines werten Kollegen Howard Banister, daß alles Popmusizieren auf prähistorischem Eruptivgestein aufbaut, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß unsere Aufgabe als beobachtende Strömungsbegleiter vor allem eine vermittelnde ist.

"Bravo! Es lebe der Medienstandort!"

Verstehen Sie mich nicht falsch. Wenn ich zum Beispiel sage, jemand spiele Punkrock, dann wird jeder, der unter 35 ist, sofort die Hose herunterziehen und eine Bierdose öffnen. Und jeder, der über 35 ist, wird sofort anfangen, mir zu erklären, wieso das Unsinn ist.

"Richtig! Trau keinem über oder unter 35!"

Wenn ich hinwiederum behaupte, das, was dem Ihnen vorliegenden Anhörungsbeispiel enttönt, sei Straight Edge oder New Psychedelic Rock oder Emo oder etwas ähnlich Verwörteltes, wird mich keiner verstehen, weil darunter jeder was anderes oder die meisten nichts verstehen. Namen wie Fugazi, International Noise Conspiracy oder Refused als Vergleiche heranzuziehen erübrigt sich, weil man sich dann ja auch deren Platten anhören könnte, von denen es genug gibt. Wenn ich mich hingegen in metaphorische Um- und Beschreibungen dessen, was eine Musik aus- und anrichtet, vertiefe, dann habe ich gleich wieder den Professor Unterstöger von der Süddeutschen Sprachakademie auf dem Hals, der mir einen Lyrikpreis des Deutschen Suppenwürfelkonvents verleihen will.

"Oh je! Oh je! Oh je!"

Wenn ich mich auf die Herkunft der Musik und ihrer Erzeuger kapriziere, gerate ich in neue Kalamitäten, denn jedermann weiß, daß in unseren Tagen die Heavy-Metal-Szene von Honolulu international ebenso wirkungsmächtig ist wie quertonale Glockenkörperstreichlungen aus dem ostbayerischen Voralpenraum. "Ja ja! Die Wurzeln sind gezogen, der Zauber ist verflogen, die Welt ein Ozean von Schall, und alles kommt von überall!" Nun könnte ich es noch mit puren Fakten versuchen und zum Beispiel erzählen, wie die Vor- und Nachnamen der Musiker lauten und was für unvorstellbare Drogenmengen sie in den letzten Jahren in sich hineingepumpt haben, um schließlich in einem nicht mehr für möglich gehaltenen kathartischen Prozeß ihre Grenzerfahrungen in Musik umzusetzen. Aber das stimmt ja gar nicht.

"Lügen ist böse! Pfui!"

Tja, so bleibt mir wohl nur noch die Aufzählung von stehenden Begriffen, die einem sprachlichen Selbstkompostierungsvorgang entstammen, den manche Leute seltsamerweise "Musikjournalismus" nennen: Groove, Drive, Tempo, Bandbreite, Härte, Wucht, catchy, kantig, schräg, treibend ...

"Shut up! oder ich schieße!"

... oder einen Landsmann der Band zu zitieren: och med en stor förkärlek till musik ville de skapa avskalad naken och ärlig rock!

"Ehrlicher Rock? Alles, nur das nicht!"

Wer sind Sie eigentlich und was schreien Sie da dauernd dazwischen?

"Ach, beachten Sie den gar nicht. Das ist bloß der Sailer, der ist verkehrt rum! Der wird Ihnen jetzt bestimmt gleich erzählen wollen, daß man gar nichts erzählen muß, sondern nur sagen, daß die Platte toll ist und daß aber Leute, die Bon Jovi, Westernhagen, Chris de Burgh, Franz Moik, Roy Black, Michael Jackson, Peter Maffay, Tina Turner, Joe Cocker, Prince, Foreigner, Supertramp, den Toten Hosen, Uriah Heep, Phil Collins, Destiny's Child, Puff oder Pee oder was immer für einem Diddy oder einem anderen Seichtklang verfallen sind und/oder so was für Musik halten, besser die Finger davon lassen sollten. Und da hören Sie besser gar nicht hin."


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer