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Frisch gepreßt 33 (März 2002):

Sondre Lerche - Faces Down

"Vereinigte weltweite Tonträgerindustrie, guten Tag?"

"Ja, hier ist die Redaktion ‚Hudel Wow & Tralala'. Ich würde gerne einen Irrtum melden. Sie haben uns da ein Produkt geschickt, für das wir die übliche Kaufaufforderung verfassen sollen und so, und dabei ist ein Irrtum passiert."

"Inwiefern bitte? Ist das Produkt fehlerhaft? Das kann nur am Kopierschutz liegen. Den machen wir jetzt überall drauf, gell, wegen diesem Koppikills, und das geht manchmal schief, wenn man keinen Player von unserem Werbepartner hat. Können Sie das Produkt nicht abspielen?"

"Doch, im Gegenteil. Das Problem liegt vielmehr darin, daß das Produkt, na ja, um es kurz zu machen: Es ist gut."

"Ach so. Huch! Das ist allerdings peinlich. Sind sie da sicher?"

"Ganz sicher. Es ist richtige Musik, Popmusik, wie es sie früher mal gab. Ich weiß ja nicht, wie alt Sie sind, ob Sie so was kennen, aber Sie sollten mal sehen, was hier los ist! Die halbe Redaktion tanzt durch die Gänge, alle haben diesen selig entrückten Blick, und die Jungredakteure wollen in Schreibstreik treten."

"Streik? Oh jemineh!"

"Ja, sie behaupten, sie könnten jetzt auf einmal keine schlechte Musik mehr ertragen. Plappern lauter so wirres Zeug, eine gute Platte sei besser als hundert schlechte und so was."

"Hui, das sind ja Tendenzen! Da muß man sofort was tun! Aber was sollen wir denn da tun?"

"Ich schlage vor, sie lassen das Produkt wieder abholen. Am besten sofort."

"Sind Sie von allen guten Geistern verlassen? Dann haben wir das Ding hier im Haus, und am Ende hört es noch einer und will es dann gar veröffentlichen! Da kommen wir ja in Teufels Küche!"

"Was glauben Sie, wo wir hier längst sind? Soll ich Ihnen mal vorlesen, was das erste Opfer, das mit dem Produkt in Berührung kam, geschrieben hat? ‚Überdruß, alles nur noch Hype, gleichgeschalteter Presse-Mainstream' und lauter solche Sachen! Und dann meint er noch, daß die letzte gute Platte schon fast ein Jahr her ist und daß das auch genügen täte, eine gute Platte pro Jahr; bloß daß dann Leute wie wir - also wie er selber - gleich immer vier neue Namen hinterherwerfen, und dann täten alle losrennen und sich die vier anderen Platten kaufen, und dann gebe es eine ‚dicke Unlust-Mauer', und wenn die überwunden sei und sie sich die Platten doch anhören, täten sie feststellen, daß das ja ‚stinklangweilig' ist, und dann hätten sie erst mal drei Jahre keinen Bock mehr auf Popmusik, von der es überhaupt soviel zuviel gebe, daß es schon wehtue. und so weiter! Sie können sich denken, was los ist, wenn wir so was drucken! Da können wir den Laden dichtmachen!"

"Und wir gleich dazu! Weia weia weia! Sagen Sie mal: Um was für ein Produkt handelt es sich denn dabei eigentlich? Steht da eine Bezeichnung drauf?"

"Ja: ‚Faces Down' von Sondre Lerche. Das ist offenbar so ein Spinner aus Norwegen, ganz jung, sieht ein bißchen aus wie eine Kreuzung aus Feargal Sharkey und James Dean; einer von meinen Leuten vergleicht ihn sogar schon mit dem frühen David Bowie! Der hat geschrieben: ‚Bowie war damals auch so ein kleiner frecher Cousin von George McLennon, Paul Harrison und John Cartney (den Trommler lassen wir weg, seine unzweifelhaften Verdienste tun hier nichts zur Sache).' Dann steht da noch: ‚Hihihihihi!' Und dann ist der Mann weggegangen. Wollte lieber ins Grüne. So weit ist es schon!"

"Uiuiui! Tja, da bleibt uns wohl nur noch eines übrig: Sie müssen das Produkt diesem Sailer schicken. Der sitzt gerne im Grünen, der schreibt gerne über Bowie, und auf den hört zum Glück keiner."


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer