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Frisch gepreßt 34 (April 2002):

Cornershop - Handcream For A Generation

Ein Kinderzimmer im Licht des frühen Nachmittags; Schleifen infektiöser Elektro-Gitarren-Riffs, schwingender Gebläse, Sitars, mirakulöser Geräusche und lakonisch-mantrisch wiederholter Pidgin-Gesangszeilen; Geräusch einer sich zaghaft öffnenden, dann mit großer Bestimmtheit schließenden Tür.

"So, mein Junge. Wir werden jetzt mal ernsthaft reden müssen. Es geht nicht an, daß du den ganzen Tag hier herumsitzt, Heftchen liest und dazu diese Popmusik hörst."

"Aber Papa, ich ..."

"Keine Widerrede. Du mußt dir langsam darüber klarwerden, was aus deinem Leben einmal werden soll! Und alles andere kommt in die Mülltonne."

"Gut. Hier sind schon mal die Schulhefte, die Sportsachen, und da, ächz, ist der Computer. Soll ich dir tragen helfen?"

"Sohn! Was fällt dir ein? Du hast wohl den Verstand verloren? Moment mal." (Vater hält einen Moment inne, den Pantoffel in der erhobenen Hand) "Was ist denn das? Das kenne ich doch! Warst du wieder an meiner Plattensammlung?"

"Ach Papa, langsam müßtest du wissen, daß mir der Ur-Moder, den du da hortest, total am Ar ..."

"Aber, hm. Grübel. Otis Clay? Die Equals? Equal, hrrm, egal, zurück zu deiner Erziehung! Hä? Jetzt ist die Platte hängengeblieben!"

"CDs bleiben nicht hängen. Das nennt man Dub."

"Ah! Rub-A-Dub-Dub! Ich wußte es!"

"Trotzdem falsch. Das ist ganz neu und die Musik unserer Generation. Die geht dich gar nichts an, und jetzt mache ich aus."

"Nichts da! Laufen lassen! Huch! Wie wird mir?" (Vater beginnt mit großen Tupf-Schritten durchs Zimmer zu marschieren) "Ta ta-ta! Ta-ta!"

"Weia, jetzt hat es ihn erwischt."

"Taa-taa! Ta-ta taa! Yeah! Die Faces! Mein Gott, waren wir jung damals!"

"Das ist Cornershop, der Song heißt ‚Lessons Learned From Rock I To Rocky III', und wenn von deiner Jungheit noch ein Rest über ist, kannst du mir auch gleich helfen, diese Kiste runterzutragen."

"Was ist da drin? Das sind ja Platten!"

"Klar. Radiohead und so Zeug. Wer braucht das noch."

"Ta-ta-ta! Ta-ta-ta!"

"Tatata-ta! Ta-ta! Get down!"

"Yeah! Ta! Das ist der Groove!"

"Mal ziehen?"

"Was um alles in der Welt ist das? Mein Sohn raucht?"

"Beste Ware aus Marokko. Hilft übrigens gegen das Tourette-Syndrom, hab ich in deiner Zeitung gelesen."

(Für einen langen Moment kehrt Ruhe ein, während Tjinder Singh eine ganze Menge Sachen erzählt, die niemand versteht)

"Meiner Zeitung? Ah, ein Wah-wah-Pedal! Daß es das noch gibt! Weiter, los weiter!"

"Zeit lassen, Papa! Das ist eben Dub. Siehst du, schon geht's weiter."

"Was sagt der da? Erklär mir das!"

"Hm. Also, ähm, grundsätzlich ist es so, daß die Musik, die Straße, die Freude, das Leben, die Liebe und der Sommer uns gehören, den Menschen. Mit dem richtigen Rezept kann man daraus eine heilsame Salbe zusammenrühren, die einen immun macht gegen die böse Welt. Weg mit dem Rockband-Müll, raus mit den R-&-B-Plastikpuppen, Schluß mit der Herrschaft der grauen Bürofiguren! Die Straße ist das Zimmer und umgekehrt. Äh, oder irgend so was."

"Aus. Schade."

"Kein Problem, hab auf ‚Repeat' gedrückt."

"Und das ist doch Otis Clay."

"Mir wurscht."

Ein Kinderzimmer im Licht des späten Nachmittags; Schleifen infektiöser Elektro-Gitarren-Riffs, schwingender Gebläse, Sitars, mirakulöser Geräusche und lakonisch-mantrisch wiederholter Pidgin-Gesangszeilen; Geräusch einer sich zaghaft öffnenden Tür.

"Was ist denn hier los? Seid ihr noch zu retten? Das geht doch nicht, daß ihr hier den ganzen Nachmittag rumsitzt, Heftchen lest und diese Popmusik hört!"

"Pst. Mal ziehen?"


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer