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Frisch gepreßt 35 (April 2002):

The Cooper Temple Clause - See This Through And Leave

"Oh jemineh! Hat dich eine Trambahn überfahren?"

"Nö, war gestern auf einer Party. Du kannst dir nicht vorstellen, was dort für Musik lief!"

"Ich nehme an: ‚So Lonely', ‚Tainted Love', ‚It's Raining Men', ansonsten die übliche Plastik-R&B-Tapete und gegen Mitternacht eine rebellische Rock-Einlage mit Tote Hosen, Green Day und Nickelback. Brrrr!"

"Huch, woher weißt du das?"

"Ich war auch schon mal auf einer Party. Und ich habe eine Theorie entwickelt. Erstens: Gute Musik ist auf Partys verboten. Zweitens: Wenn doch mal gute Musik läuft, muß sie mindestens fünf Jahre alt sein. Drittens als Fazit: Die inkubative Partybilität einer Musik steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu ihrer Qualität."

"Hä!?"

"Ganz einfach: ‚Basket Case' von Green Day war zum Beispiel relativ hübsch. Durfte deshalb erst nach sechs Jahren auf Partys laufen. Xavier Naidoo ist Ultrasuperscheiße. Läuft deshalb zehn Minuten nach Erscheinen auf allen Partys. Und so Sachen wie Magazine, Sex Pistols, Elastica oder Strokes, um mal ein paar willkürliche Beispiele zu wählen, sind so gut, daß sie nie auf Partys laufen werden. Viertens: Es gibt für die meisten guten Sachen ein Konsens-Surrogat. Zum Beispiel ‚So Lonely' statt sämtlichen guten Punk-Platten aller Zeiten. Weil die halt zu gut sind. Fünftens: Die Beteiligten an einer Partyplatte dürfen im Durchschnitt nicht jünger als 40 sein. Siehe Strokes: die sind zu jung. Deshalb werden Boygroup-Songs von Leuten gespielt und produziert, die um die 50 sind."

"Na prima. Aber sag mal, was läuft denn da eigentlich?"

"Das ist The Cooper Temple Clause. Das wird man erst auf Partys spielen, wenn wir den Nordfriedhof von unten sehen. Und hier lassen sich auch ein paar Elemente nachweisen, die die Partybilität praktisch auf null reduzieren. Zum Beispiel Witz, Drive und Jugendlichkeit. Und Hintersinn: Einen so genialen Song wie ‚Panzer Attack' oder ‚Let's Kill Music' wird kein BWL-Student auf diesem Erdball je verstehen. Das verunsichert die, und dann können sie nicht mehr genug Chips essen. Und Melancholie: Die stört auf jeder Party, weil da Halligalli sein muß. Und Tiefe, weil wenn schon Halligalli, dann aber immer im (räusper) ‚grünen Bereich'. Damit die Sache nicht gefährlich wird. Und Störgeräusche: Partymusik muß so weitergehen, wie sie angefangen hat, wie eine leere Autobahn. Hier passiert in einer Minute mehr als im gesamten Backkatalog aller Partymusiker aller Zeiten. Und Überzeugung: Generell bin ich der Meinung, daß Rockmusik nur gut ist, wenn man merkt, daß die Leute das, was sie da sagen, so dringend sagen müssen, daß sie gleich daran kaputtgehen. Dieser Sänger kräht sich die Seele aus dem Leib, der war nach den Aufnahmen mindestens einen Monat lang heiser. Das ist absolut anti-belanglos und somit nicht konsensfähig. Und Musikalität: Das sind schlicht und einfach zuviele Harmonien. Und der sogenannte addiktive Ausschlußfaktor: Wer eine dermaßen geniale Hymne wie ‚Murder Song' einmal gehört hat, ist auf ewig für schlechte Musik verloren. Er wird zum defaitistischen Stänkerer und schmeißt womöglich Möbel aus dem Fenster, wenn ‚We Built This City' ertönt. So was kann man auf keiner Party brauchen."

"Ich diagnostiziere auch gewisse Äquivalenzen. Das klingt streckenweise wie eine Session von Stooges, Primal Scream und Sex Pistols mit Liam Gallagher beim gemeinsamen Improvisieren auf der Basis von Magazine-Songs."

"Eben. Da hast du fünf Argumente für ein totales Partyverbot: Stooges, Primal Scream, Sex Pistols, Improvisation und Magazine. Das Liam-Element schmälert das ein bißchen, aber fünfzig Jahre wird es mindestens dauern."

"Schade. Was machen wir denn da?"

"Nicht mehr auf Partys gehen. Zu Hause bleiben und die ganze Nacht Cooper Temple Clause hören. Die resultierende Wirkung ist übrigens ähnlich: Bei ausreichender Lautstärke siehst du am nächsten Morgen aus, als hätte dich eine Trambahn überfahren."


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer