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Frisch gepreßt 36 (Mai 2002):

Haven - Between The Senses

Lieber Bryan Ferry,

so gerne hätte ich diese Zeilen dafür genützt, dir zu sagen, wie sehr ich mich gefreut habe, nach so vielen Jahren endlich wieder ein richtig schönes Album von dir zu hören. Ich hätte dir dann auch noch gesagt, daß du blendend aussiehst und es toll ist, daß neben dem unvergleichlichen Chris Spedding sogar deine Ur-Roxy-Kollegen Brian Eno und Paul Thompson dabei sind, und daß mir der Song, den du mit Eno geschrieben hast, überhaupt am besten gefällt. Und 25 Jahre nachdem Ultravox! mit "Hiroshima Mon Amour" ihren schönsten Roxy-Song geschrieben haben, spielst du den Ball jetzt wieder zurück, zwinkerst mit "Nobody Loves Me" deinem Patenkind Morrissey freundlich zu, und nicht einmal der schlimme Dave Stewart hat der Sache geschadet. Das alles hätte ich liebend gerne gesagt; kann ich aber nicht. Denn da ist mir diesmal der Kollege Gerald zuvorgekommen, und deshalb will ich dir was anderes erzählen.

Wenn du in nächster Zeit mal deine Plattenfirma besuchst, dann frag die Leute dort mal nach einer Platte, die "Between The Senses" heißt. Die könnte dir gefallen. Nicht weil sie nach Roxy klingt, das tut sie höchstens ein ganz kleines bißchen. Aber es könnte dich interessieren, daß da Songs drauf sind, die "Where Is The Love", "Still Tonight" und "Is This Bliss" heißen, und obwohl das für die meisten Leute Allerweltstitel sind, klingen sie ein bißchen so, als hättest du sie erfunden, gell? Vielleicht interessiert dich, daß der Manager der Band Joe Moss heißt. Der war nämlich früher mal Manager der Smiths und hat vor ein paar Jahren extra seinen Urlaub unterbrochen, um den vier Buben in ihrer Hütte auf einer Klippe in Cornwall beim Üben zuzuhören. Dann hat er Johnny Marr angerufen und ihn gefragt, ob er nicht mal mit ihnen jammen will. Und weil das so schön war, hat er Johnny gefragt, ob er sie nicht auch gleich produzieren will.

Und der wollte. Und weil auf deinem neuen Album Jonny Greenwood von Radiohead ein bißchen mitspielt, aber nicht besonders auffällt, und weil ich deswegen annehme, daß er dabei ist, weil du Radiohead magst - puh! sorry für den Schachtelsatz -, könnte dich interessieren, daß die Stimme von Gary Briggs bisweilen an die von Thom Yorke erinnert. Das tut sie aber, wenn du mich fragst, vor allem deswegen, weil Johnny Marr zu Gary gesagt hat, er soll um Gottes willen nicht immer wie Bryan Ferry singen.

Nun ist es zwar so, daß wie gesagt die Musik von Haven wenig mit Roxy zu tun hat. Andererseits könnten dich Garys Texte interessieren, denn die sind rätselhaft, verschlungen, voller Sehnsucht und klingen manchmal, als würde er spätnachts am Kneipentisch dem Aschenbecher die Geschichte seiner verlorenen Liebe erzählen. Kommt dir das bekannt vor? Hab ich mir gedacht.

Ich will dich nicht langweilen, und deshalb schlage ich vor, du hörst dir die Platte einfach mal an, sie ist nämlich sehr, sehr schön. Aber sie hat ein paar winzige Fehler, und da könntest du vielleicht was tun: Wenn du Haven mal triffst, dann sag doch dem Trommler Jack Mitchell, er soll nicht soviele amerikanische Alternative-Platten hören; oder stell ihm gleich Paul Thompson vor. Und sag Gary Briggs, er soll ruhig mehr wie du singen. Und sag der ganzen Band, daß es ab und zu gut tut, mal richtig auszuflippen, sich bunte Pfauenfedern in den Hintern zu stecken und Böller auf die Bühne zu werfen. Und daß ihr nächstes Album bestimmt noch besser wird, wenn sie sich vorher "Stranded" anhören. Auf dich werden sie eher hören als auf mich.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer