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Frisch gepreßt 37 (Mai 2002):

The Shining Hour - Postcards From Home

Mark ist ein lieber Kerl, ein bißchen schüchtern, still und freundlich, nachdenklich, mit einem sonnigen Gemüt, an dessen Horizont ferne, kühle Regenwolken leuchten. Mark ist meistens allein; wenn er nicht spazierengeht, sitzt er dann in seinem Schlafzimmer und denkt nach, über das Leben und die Liebe und warum beides eigentlich unmöglich und deswegen so schön ist. Mark spielt Gitarre, aber nicht für die Welt, sondern für seine Freunde, die seine Hoffnungen und Sehnsüchte, seine Träume und Enttäuschungen und manchmal auch seine Tränen teilen. Marks Gitarre erinnert die, die sich an so was erinnern, bisweilen an die von Nick Heyward, Stephen Duffy, Lee Mavers und all diesen Jungs, die in Schlafzimmern sitzen und Songs für ihre Freunde spielen, die manchmal auch Freundinnen sind.

Mark hat ein Mädchen getroffen, in einem Lebensmittelgeschäft. Es ist nicht viel passiert, sie war genauso schüchtern wie er; vielleicht haben sie sich kurz angelächelt, während draußen jemand vorbeiging, vergnügt seinen Regenschirm schwenkte und eine Melodie pfiff. Vielleicht hat die Uhr in dem Laden sanft getickt. Mark hat danach eine Postkarte an einen Freund geschrieben.

Es war Winter, und Mark saß in seinem Schlafzimmer. Der Winter ist kalt in England, Mark hörte Musik und las Bücher. Und schrieb eine Postkarte an seinen Freund.

Mark hat sich erinnert, an zehn lange Jahre, die vorbeizogen wie Wattewolken im Spätsommer, ganz nah, unendlich fern, die für kurze Momente die Sonne verdunkeln; Momente, an die man sich nach zehn langen Jahren erinnert, weil man gerade noch ein Gesicht sah und nun nur noch einen Rücken, eine Silhouette, die im Traum immer wieder fortgeht. Und Mark schrieb eine Postkarte.

Marks Kopf ist voll mit solchen Erinnerungen, an kurze, unbedeutende Augenblicke irgendwo in der seltsamen Welt, die so winzig ist in dem riesigen leeren Durcheinander von Sternen, Wolken und Nichts, die schimmert wie eine kleine Perle, die man nur sehen kann, wenn man durch einen unglaublichen Zufall so nahe herankommt, daß alles andere in unerreichbare Ferne entrückt. Mark liebt diese Welt. Und immer wenn ihm das plötzlich klarwird, setzt sich Mark in sein Schlafzimmer und schreibt eine Postkarte an seinen Freund.

Dann ging der Winter zu Ende, wie er es meistens tut: mit einem warmen Tag, der schüchtern vor dem Fenster steht und an der Scheibe reibt, die tapferen Pflänzchen streichelt, die so lange mit gesenkten Köpfen durchgehalten und auf ihn gewartet haben. Er wird wieder gehen müssen, wenn es Abend wird; es werden kalte Tage folgen, die noch einmal für einige Zeit durch die Gegend rüpeln und nicht einsehen wollen, daß ihre Zeit vorbei ist. Dann kommt der warme Tag zurück und hat seine Freunde dabei, und dann schickt Mark seine letzte Postkarte ab. Es ist die zwölfte, und Mark hat ihr eine Platte beigelegt mit den zwölf Songs, die er über all das geschrieben hat.

Und Mark wird wissen, daß nichts für immer ist, aber seine Songs glauben ihm nicht, und deshalb glauben auch wir ihm nicht, wenn wir seine Songs hören. So wie wir den June Brides, Haircut 100, Lilac Time, den La's, Smiths, Railway Children, Pale Fountains, Trembling Blue Stars, McCarthy und all den vielen nicht geglaubt haben, die vor ihm dasselbe gewußt und Songs geschrieben haben, die ihnen widersprachen. Diesmal wird der Frühling ewig sein, sagen wir, denn wir haben einen Freund.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer