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Frisch gepreßt 38 (Mai 2002):

Wire - Read & Burn 01

Eine hübsche Koinzidenz: Wenn man die Internet-Seite eines großen deutschen Plattenhändlers aufruft, der sich für besonders flott und flippig und supi und trendtop hält, und nach einem Künstler namens "Wire" sucht, erhält man zur Antwort wahlweise einen leeren, weißen Bildschirm (ganz unten links steht schüchtern "Fertig"), oder der ganze Kasten stürzt ab. Schöner könnte man das Wirken der Band eigentlich kaum beschreiben.

Aber ausführlicher: Die Welt von Wire ist kein Teil des Mainstream, auch nicht des Underground, der Independent-Szene oder sonst einer Fraktion der Pop-Evolution, sondern sie ist ein ganz eigener, geschlossener Kosmos, der Eingeweihten soviel bietet, daß sie auf den Rest der Pop-Geschichte gerne verzichten. Ihre Musik erstrahlte in kühlem weißem Licht, betörend schön, und sie war nicht, wie oft behauptet, konstruiert (selbst da, wo sie konstruiert war), sondern pur. Vor allem aber gehörten sie zu nichts: eine Band ohne Image, die Punk, New Wave und den Elektronik-Sound der 80er maßgeblich beeinflußte, ohne sich um den wimmelnden Troß von Nachfolgern groß zu kümmern.

Die unselige Geschichte ihrer Verbindung mit dem Branchen-Moppel EMI gab ein Paradebeispiel ab für die Mischung aus totaler Macht und absoluter Ignoranz, die wir Plattenindustrie nennen. Und deshalb war 1980 nach dreieinhalb Jahren alles schon wieder zu Ende - bis es 1985 neu anfing, ganz anders diesmal und doch gleich, zumindest was die ästhetische Qualität anging. Diesmal wurden es fast sechs Jahre, dann wollte Robert Gotobed lieber trommeln als Computer zu programmieren, also war nach einem Album unter dem Namen Wir Schluß. Es folgte ein Meer von Solo- und sonstigen Projekten, die in praktisch alle künstlerischen Bereiche hineinragten und manchmal nicht mehr waren als ein Haufen Geräusche (zur Abschreckung für traditionelle Musikhörer sei Bruce Gilberts "psycho-eklektische-intervention" mit dem Titel "Ab Ovo" von 1996 erwähnt).

Und dann ging es wieder los, 1999. Wire, die sich bis dahin vehement geweigert hatten, zurückzublicken (und deshalb live meistens neue Stücke spielten, anstatt ihr aktuelles Album zu "promoten"), taten nun zunächst genau dies: Sie stürzten sich in ihr wildes Schaffen der Jahre 1976/77, und zwar ausgerechnet in der Londoner Royal Albert Hall. Und beschlossen danach, die 80er mal auszuklammern und da weiterzumachen, wo "Chairs Missing" geendet und "154" noch nicht ganz begonnen hatte.

Hier ist das Ergebnis: sechs Tracks, insgesamt knapp 17 Minuten lang und teilweise in derartiger Raserei aufs Band geknallt, daß man um Robert Gotobeds 51jährige Arme fürchtet. "The Art Of Stopping" (gemeint sind vielleicht nicht nur die Breaks, man denke an "On Returning") dauert ebensoviele Minuten, wie es Textzeilen hat (drei), und wenn es Elastica noch gäbe, könnten sie das prima covern (allerdings müßte Damon Albarn singen, der den Akzent besser hinbekommt); es wäre ein todsicherer Hit. "Germ Ship" ist für Wire-Verhältnisse uralt: eineinhalb Jahre, hat sich aber seit der ersten Live-Version vom Punk-Brüller zum atmosphärisch-kompakten Song entwickelt - danach toben "Comet" (poppig) und "1st Fast" (schroff) in einem Tempo aus den Boxen, daß "Pink Flag" dagegen beinahe an Pink Floyd erinnert. "I Don't Understand" steht dann wieder mit Rockband-Füßen auf der Erde, wütend und Wire-klassisch. "The Agfers Of Kodack" reicht am ehesten in die Bereiche "normaler" Popmusik hinein; und dann - ist schon wieder Schluß. "You've had your chance / corrected vision", hat Newman zuvor gesungen, und jetzt Graham Lewis: "There's change in the air."

Die dritte Chance, um genau zu sein. Wird die Welt sie diesmal nützen? Egal: mit Wire bleiben wir gerne allein. Ohne Major-Plattenfirma und ohne große deutsche Plattenhändler.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer