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Frisch gepreßt 39 (Juni 2002):

Gaffers - Dear Hiwatt

Wie werde ich ein Europop-Kauz? Ein Übungsprogramm in zehn Lektionen

1. Betreibe Markensubversion. Nenne dich z. B. Beattie (ohne Vornamen); behalte den Bandnamen bei, wenn die Band weg ist; dies aber nur, wenn es dir gelingt, die mit dem Namen verbundenen Erwartungen so zu konterkarieren, daß mindestens die Hälfte aller Hörer einen Irrtum vermutet.

2. Eröffne dein Album so, daß jedem Nickelback-Hörer sofort und unmißverständlich klar ist, daß er hier nichts verloren und zu erwarten hat.

3. Melodien und Harmonien sind hartnäckig wie Fruchtfliegen; man wird sie nie ganz los, aber das muß ja nicht jeder gleich merken. Meide konventionelle Instrumente, Mix-Verhältnisse, Aufnahmeorte und -bedingungen. Verfremde alles immer ein bißchen mehr, als sich Blur das trauen würden. Setz dann, wenn keiner mehr damit rechnet, doch konventionelle Instrumente ein (das kann man Kontraeskalation nennen, wenn man danach gefragt wird, muß aber nicht: Man wird sowieso nicht gefragt).

4. Fünfzig Millionen Menschen, die Liebeslieder schreiben, singen, hören, kaufen, lieben, sind im Irrtum und müssen ignoriert werden. Schreib über alles, was es gibt; wenn das nicht hilft: über alles, was es nicht gibt. Und wenn du schon etwas lieben mußt, dann höchstens z. B. Gitarrenverstärker von 1967.

5. Ein genialer Ohrwurm bohrt sich immer durch - so lautet eine der Grundregeln der Pop-Lehre. Falsch. Ein genialer Ohrwurm wie "Olivia With A Squint" oder "Most Welcome" läßt sich hinter schäumendem Gestrüpp von sonischen Kuriosa sehr gut verbergen; und die, die ihn trotzdem finden, kriegen dieses seltsame Glänzen in den Augen. Vergiß dabei nie den Lauf der Zeiten: "Strawberry Fields Forever" klingt heute total normal. Sorge dafür, daß die Schutzschicht über deinen genialen Ohrwürmern in zwanzig Jahren noch hält. Vermeide Coverversionen, außer solchen, die niemand versteht. Überlege, warum z. B. Colin Newman "Blue Jay Way" (George Harrision) und Gaffers "Sad Lisa" (Cat Stevens) gecovert haben.

6. Sei ein Rätsel! Erfinde coole Songtitel wie "Autobus", "Good Save, Grello", "SS 16 Adriatica", "Anstrengung". Erkläre alles mit einem neuen Rätsel. Sei widersprüchlich. Sag denen, die dich verstehen und mögen, sie verstünden dich; erzähl ihnen dann Sachen, die sie nicht verstehen. Wenn sie sich allzu einfühlsam zeigen: Erkläre gar nichts mehr. Antworte auf alles mit ja und bestätige dann das Gegenteil.

7. Rechne immer mit Gewöhnung, sei zum Gegenschlag gerüstet. Also: Erst Riesengestrüpp, dann Reduktion. Mach immer zuviel oder zuwenig, aber nie zuviel zuviel oder zuwenig zuwenig oder mehrfach hintereinander dasselbe. Mach nie etwas, was bei äußerster Auslegung des gesunden Menschenverstandes gerade noch logisch erschiene.

8. Lächle nur in Situationen, die nicht zum Lächeln sind. Lächle ansonsten nie, vor allem nicht in Situationen, die zum Lächeln sind. Sei blaß, verletzlich, sensibel, empfindlich, verstört, kompliziert und gleichzeitig vollkommen entspannt, freundlich, verliebt, glücklich. Am besten: Sei nicht anwesend.

9. Verweigere dich den Periodizitäten des Musikgeschäfts. Wirf nach einem hochgelobten Album deine Band raus und laß dir fünf Jahre Zeit für das nächste. Laß auf ein Album, von dem man behauptet, es sei entsetzlich und ein Anzeichen dafür, daß du eine längere Denkpause nötig hättest, sofort zwei oder vier neue folgen, möglichst noch seltsamer, evtl. unter allen möglichen, leicht durchschaubaren Pseudonymen.

10. Hör dir das neue Gaffers-Album an. Wenn es dir gefällt, bist du reif: Mach dasselbe, das heißt: das Gegenteil.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer