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Frisch gepreßt 41 (Juli 2002):

Holly & The Italians - Holly Beth Vincent

Es war im späten Frühjahr 1982, und schuld war der Mario: Auf einem der wöchentlichen Top-ten-Zettel, die ich damals von allen Freunden einsammelte, hatte er ziemlich weit oben notiert: "Honalu" von Holly & The Italians. Na hm, dachte ich: Das muß ja wohl "Honolulu" heißen und weiß der Geier, wer diese Italians nun wieder sind; der kennt ja immer alles, was keiner kennt.

Aber dann kam ich zufällig beim Montanus vorbei, und da stand eine blaue Platte mit einem Gesicht drauf, wegen dem ich die Platte auch gekauft hätte, wenn sie nicht "nur noch 6,99!" gekostet hätte; und tatsächlich: "Honalu". Dazu gab's eine zweite Platte, ebenso billig. Die hieß "The Right To Be Italian", und hier fing die Verwirrung an: Diese ein Jahr ältere Platte war von Holly & The Italians, die andere dagegen hieß zwar "Holly & The Italians", war aber von Holly Beth Vincent (oder andersherum), die auf dem anderen Cover wiederum aussah wie eine rosa Schmink-Schlampe mit Auer-Dult-Gitarre und trotzdem dieselbe war; puh, kein Wunder, daß niemand eine der beiden Platten kaufen wollte, und beide schon gar nicht. Ich schon: Mario hat immer recht, hieß die popmusikalische Entdeckungs-Grundregel.

Ich habe von 1982 bis 1992 keine Platte so oft, so hingerissen, so immer wieder gehört wie "Holly Beth Vincent". Ganze Nächte saß ich neben dem Plattenspieler, legte immer wieder "Unoriginal Sin" und "Just Like Me" auf, dann ein paar andere Songs, dann wieder die beiden, und wenn ich nicht ab und zu sowieso einen Grund zum Heulen gehabt hätte, dann wären diese beiden Songs Grund genug gewesen. Dann ging der Plattenspieler kaputt; die Platte war schon lange bloß noch ein knisterndes, rauschendes Wrack.

Außer uns beiden hat zumindest noch ein Mensch eine Platte von Holly Beth Vincent gekauft: Wendy James. Deren Soloalbum "Now Ain't The Time For Your Tears" habe ich später so oft gehört wie davor "Holly Beth Vincent", das ist jetzt egal; aber Wendy hat mit ihrer Band Transvision Vamp die Flop-Single "Tell That Girl To Shut Up" nachgespielt. Und ich habe dann immer in taube Ohren gebrüllt: Das ist von Holly Beth Vincent!

Vielleicht könnte man noch erwähnen, daß auf "Holly Beth Vincent" Joey Ramone mitsingt (der danach mit Holly noch "I Got You Babe" als Single aufnahm), daß Bobby Valentinos Geige wunderbar verstimmt ist (den kannte man damals von Haysi Fantayzee - was für Zeiten, was für Argumente!), daß die Platte von Mike Thorne produziert wurde (der auch Keyboards spielt und den man natürlich als Produzenten von Wire kennt), und daß ich bis heute nicht weiß, was oder wo "Honalu" ist.

Jetzt ist Sommer 2002, und wieder ist der Mario schuld. "Demnächst erscheinen übrigens die beiden Platten von Holly Beth Vincent auf CD", sagte er vor einiger Zeit. Und was soll ich jetzt tun? Irgendwas von dem unerheblichen Neu-Zeug hören, das es zur Zeit so gibt? Ich denke nicht daran! Zwar hat sich das obskure Mini-Label keine große Mühe gegeben: keine neuen Liner-notes, die alten kaum lesbar, ein paar Songtitel fettgedruckt, andere nicht. Unter den sechs Bonus-Tracks ist auch "I Got You Babe", aber die Single-Version von "Tell That Girl To Shut Up" (die sowieso auf "The Right To Be Italian" gehört hätte) ist mit unkorrigiertem Original-Kratzer ein absurder Höhepunkt des modernen Umgangs mit Klassikern. All das nehme ich klaglos hin, wenn ich dafür endlich wieder diese himalayabreiten, ozeanweiten, höllenschlundtiefen Melodiegewitter hören darf, diese verletzte, trotzige, wunderbare Stimme, diese grandiosen, waghalsigen, immer auf dem Gipfelkamm zwischen Explosion und Zusammenbruch dahinschrammenden Arrangements ... und "Samurai And Courtesan": "This is the one that follows you everywhere" - so ist es, ich weiß es.

Muß man Menschen, die diese Platte mißachten, schmähen und schneiden? Nein; das gute ist für viele, das beste für die wenigen, so ist das nun mal mit der Musik, und wer daran schuld ist, werden wir in diesem Leben nicht mehr klären. Braucht man "Holly Beth Vincent", um glücklich zu sein? Wenn man sie noch nie gehört hat: nicht unbedingt. Oder sagen wir: im Prinzip doch. Braucht man "The Right To Be Italian" wirklich noch dazu? Na ja: ehrlich gesagt ja; wo sie schon mal da ist.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer