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Frisch gepreßt 42 (Juli 2002):

Cody - Distance Learning

Katerstimmung am Schwärmer-Stammtisch "Zum verlorenen Morrissey-Album". Leises Seufzen, diskretes Grummeln. Forsch tritt die Bedienung heran.

"So, meine Herren, schöne Grüße vom Wirt: Es gibt erst wieder was zu trinken, wenn das Seufzen und Grummeln hier aufhört und ihr eurer Aufgabe nachkommt, neue Musik zu besprechen."

"(Seufz) Na gut - schon das neue Oasis-Album gehört?"

"Puh, lieber verdursten."

"Man hört, Gay Dad seien neulich aufgetreten. In einer Bar, vor 23 Leuten."

"Ja ja, die Zeiten sind trüb, und Hoffnung ist fern. Da kommt der Sailer, der will sicher mitjammern."

"Weia, sieht der fröhlich aus! Sicher eine Nervenentzündung."

"Frohe Kunde, liebe Freunde! Post aus England! von Matt Shinkansen! ein neues Cody-Album!"

"Erst auflegen, dann weitersehen. Wir sind Enttäuschungen gewöhnt."

Eine wasserklare, blütenhelle Melodie in belebendem 7/4-Takt perlt durch den Raum. Augen öffnen sich, augustfrische Luft wird spürbar.

"Oha!"

"Oh! Ah!"

"Hmmmmm!"

"Hui! Hui! Hui!"

Etc. - Aus Platzgründen muß auf eine erschöpfende Wiedergabe der sich anschließenden Wohligkeitskundgebungen verzichtet werden. Zur vollständigen Nachempfindung wird empfohlen, die vorangegangenen vier Zeilen circa zehn Minuten lang zu wiederholen - in gedämpfter Lautstärke, damit die Musik hörbar bleibt.

"Das muß ‚Uplift' heißen! Wir sind gerettet! England ist gerettet!"

"Und jetzt kommt ‚Share And Enjoy'. Gute Anregung. Bedienung! Bitte lauter machen und die Gäste zum Mitsingen animieren!"

(Chor:) "We've nothing in common, there's nothing to say. Goodbye, my love!"

"Oh, das ist groß! Das ist wie das wichtigste am Kino - der Abspann! Und: ‚Bolero And Cipher', ein genialer Songtitel, ist es nicht? Hach! Oder, um eine etwas altertümliche Redeweise zur Anwendung zu bringen: Angel, Angel, down we go together!"

"Ach, so schön! So schön wie ... wie ... die jeweils letzte Nummer auf den ersten drei Ultravox!-Platten."

"Halt! Nicht durch Vergleiche entweihen!"

"Pst, Ruhe da!"

"Schöne Grüße vom Wirt, meine Herren. In den letzten fünf Minuten hatten wir genau drei Bestellungen; alle wollten Tee. Wenn das so weitergeht, müssen wir unser Bier selber trinken. Oder AC/DC auflegen."

"Ach, liebe Freundin, sei doch etwas ‚Cooperativa'! Wie wär's mit einem leichtfüßigen Tänzchen auf Wolkengrund?"

Es folgt eine Phase bewegter Sprachlosigkeit, die wiederum in Textform nicht angemessen wiedergegeben werden kann. Zur Audiovisualisierung bitte das Licht vollständig löschen und "Dorian"/"Evening Falls" auf Dauerwiederholung schalten.

"Hoppla, ich glaube, ich bin gelähmt. Wie nun das?"

"Keine Sorge, das ist bloß ein Hingerissenheitskoma. Hatte ich auch mal, damals bei Roxy. Bleibt ohne negative Folgen, wenn man von den Entzugserscheinungen absieht."

"Äh, und wie geht das wieder weg?"

"Von selbst, wenn die Platte aus ist. Ist sie bald: nur noch ‚A Single Thread', ‚In Our Own Time', ‚Ripples Run Forever' und ‚Sentinels'."

"Huihuihui! Bitte nicht solche Songtitel vorlesen! Ich kann gar nicht so schnell schaudern, wie mich die Gänsehäute überlaufen!"

Als die letzten Ausläufer sphärischer Harmonien fragil verhallt sind, ist für einige Zeit nur noch leises Seufzen zu hören. Die Stimmung gleicht der erfrischten Ruhe nach einem nächtlichen Gewitter. Mit einem entspannten Knacken laufen die Uhrzeiger wieder an.

"Gott, war das schön. Ich bin ein Neuer!"

"Oh. Ah."

"Hmmmmm."

"Na prima, meine Herren! Und ich darf die Tränen zusammenwischen!"


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer