zurück zur "Frisch gepreßt"-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
 

Frisch gepreßt 44 (August 2002):

The Coral - The Coral

Sechs Mann auf des Toten Mannes klappriger Kiste, unterwegs in fernen Gewässern; Recken, wie sie nur die Sage kennt. "We'll set sail again! We're heading for the Spanish Main!" Der Weg dahin ist weit, ozeanweit; düstere Klippen sind zu umschiffen, wilde Piratenbanden zu schlagen, gruselige Ur-Monster auf gottverlassener See zu bezwingen - und Gefahren zu meistern, von denen Landratten und Hintersassen nur träumen dürfen: "I remember when I saw the sea freeze / but it said nothing of the birds and the bees / that were swarming around my head." Es war der Schwanz des Krüppelhundes, der den Weg wies: "It points to the West and leaves out the rest", ja, kein Wort von dem, was da lauert, doch unverbrüchlich schwören unsere sechs Helden beim Grabe der Urmutter: "I ain't going down like that. No, I ain't going down like that!"

"Nu-Metal-Boot steuerbord! Riff-Kanonen laden! Trommelbatterien auf Break-Overkill!"

Sie sind jung, unsere Männer, viel zu jung für die rauhen Wogen, die sie umschwappen und hinabziehen wollen in den trügerischen Frieden ewiger Tiefe; aber sie wissen dienstbare Geister auf ihrer Seite, die sie in Liedern beschwören, nachts, wenn das Sternenzelt prangt und der Mann im Mastkorb der einsamste Mensch der Welt ist:

"Will I ever return? Will I ever get back?" Nunmehr kreuzt unser gottverlassener Haufe an den Küsten der sibirischen Meere, tanzt nachts Kasatchok am russischen Feuer mit einem geheimnisvollen Fremden, der sich als James Bond vorstellt, erschauert unter Geisterstimmen und ruft die dienstbaren Kobolde aus dem Dunkel der Geschichte: Jim Morrison, Lee Mavers, Syd Barrett, Arthur Lee, die legendären Yachts. Doch ist dies nur der Sehnsucht geschuldet, mit der unsere wackeren Pioniere bei der abendlichen Blechtopf-Runde jener milden, halcyonischen Tage gedenken, als sie noch in lauen Gewässern kreuzten und nicht ahnten, welche Abenteuer und Prüfungen dort am Horizont ihr dräuend Haupt erhoben.

"Oh weh! Der Riesenkrake Musikindustrie greift an! Der will uns schlucken, verdauen und schlußendlich wieder ausscheiden!"

"Kein Problem! Der will nur unsere Hit-Essenz! Den füttern wir einfach, dann wird er seine schützenden Tentakeln über uns halten! Hier bitte: Platz fünf in den Charts des britischen Empire! Das schmeckt ihm!"

Man strandet an der Westküste von Nirgendland, und niemals enden die großen Melodien, die die seit grauser Vorzeit von keinem Ton durchbrochene Stille der ewigen Nacht besternen, verstreut aus überquellenden Schatzkisten mit Juwelen, Gold, Diamanten, Rubinen, Brokat und Spezereien, die unsere rastlosen Träger der Korallenfahne von den exotischsten Küsten der Welt zwischen Jamaica und Alexandria, Kalifornien und Grönland erbeutet haben. Mit der Zeit jedoch wird der Proviant knapp; kein Wunder bei einer Reise, die Generationen kommen und gehen gesehen hat.

"Was haben wir denn noch da?"

"Uff, ächz, nicht mehr viel. Eine Schachtel Emerson-Lake-&-Palmer-Kekse, paar Liter Twang aus Shadowsland, etwas Oh und etwas Ah, ach so, und einen Uriah Heep."

"Himmel hilf! Er hat den Uriah Heep freigesetzt! Nun sind wir verloren!"

"Da hilft nur ein Zauberspruch vom großen Magier Robertus Marleynus: ‚Don't give up the fight!' Weiche von dannen, Dämon!- Heureka, Männer, Heimathafen in Sicht!"

"So, Kinder, einmal muß mit dem Spielen aber auch wieder Schluß sein. Habt ihr überhaupt schon eure Hausaufgaben gemacht?"

"Ach Mama! Wir sind doch inzwischen fast alle volljährig! Bloß eine kleine Bonusrunde noch, okay?"


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer