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Frisch gepreßt 45 (September 2002):

Franz Dobler - Der Tag an dem ich allen Glück wünschte

"Seid mir gegrüßt, Männer des warmen Wortes! Die wilden Winde Nevadas haben mich hierher verschlagen an diesen wohligen Ort, wo es meines Wissens Whiskey gibt."

"Tret' er näher und spar er sich das Gewagner. Hier im tiefen Westen herrscht kein Bedarf an Dichtung, Stranger. Wir haben schon einen, der das für uns erledigt."

"Right, Man. Den Würfeldrechsler. Der sagt, was Sache ist; der Rest kann vor die Kühe."

"Ihr sprecht in Rätseln, werte Westmänner."

"Alright. Erstens: daß South Bavaria ein Big Valley ist, weiß jeder, der schon mal eine künstlerische Äußerung hineingeworfen und sich gewundert hat, wie lange das denn jetzt dauert, bis man einen Aufprall hört. Zweitens: wenn man den Globus richtig herum anschaut, dann liegt South Bavaria auch Westlich von Santa Fe. Und nun hör zu, denn es spricht die Stimme des Würfeldrechslers!"

"Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht töten können ..."

"Right, Man. Das erinnert mich an den Hold-up mit den Daltons damals, wo ..."

"Shut jetzt up, Zwei-Finger-Pete! Der Stranger hier soll den Würfeldrechsler hören."

"Daltonismus, Herren des Westens, ist, wenn ich dies einwerfen darf, eine Krankheit, bei der man eine rote Socke in der Hand hält und nicht weiß, ob sie nicht doch vielleicht grün ist, was aber hierzulande wohl keine große Rolle spielt, denn wie ich vernommen habe, hat es in diesen Breiten nichts Rotgrünes zu geben."

"Da hst du deinen Stranger. Ein Schwätzer ist der. Zieh den Hut vor Jesse James, Stranger!"

"Jesse James, wenn Sie mir noch eine Bemerkung erlauben, wurde von einem Mitglied seiner eigenen Bande erschossen, Bob Ford, der danach im Theater als er selber auftrat, aber wenig Beifall erntete. Wehe den Wankelmütigen, wie ich meine."

"Wow, der Kerl kennt den Würfeldrechsler schon!"

"Wie können Sie solches wähnen? Ich bin neu hier, aber ein wenig Kunde der Historie ist mir eigen."

"Ich wollte einfach nur sehen, wie einer stirbt."

"Fucking hell, Stranger! Laß dir das gesagt sein!"

"Nun nun, diese Zeile entstammt dem wesentlichen Korpus der nordamerikanischen Folklore, wenn ich mich nicht irre. Wohingegen Ludwig Lugmeier, wie Sie wissen dürften ..."

"Wenn er jetzt nicht den Rand hält, schicke ich ihn auf den Weg zur Hölle."

"Nun denn, lauschen wir den entspannten Klängen und gewichtigen Worten. Wenn Sie gestatten, werde ich anschließend eine Zusammenfassung wagen."

(...)

"Abgerechnet wird zum Schluß."

"Wenn ich kurz resümieren darf, werte Herren: Der feine Rezitator hat uns seinen im Rahmen des kulturbetrieblich Denkbaren wohlbekannten Gedichtband ‚Jesse James und andere Westerngedichte' dargebracht, worunter Reminiszenzen an Geronimo, Billy The Kid und andere Westheroen und ihr klägliches Schicksal; doch versäumte er es nicht, des weiteren an den Volkssänger Josef Bauer, genannt Kraudn-Sepp, den Regisseur Sam Peckinpah sowie einige weitere würdigenswerte Männer zu erinnern, den abschließenden, längsten Beitrag verständlicherweise Hank Williams gewidmet habend und endigend, allergorisch betrachtet, wie dieser. Ich weise darauf hin, daß wir es hier mit einem durchaus begnadeten, bisweilen ein wenig ruppigen Erzähler zu tun hatten, daß ‚Weg zur Freiheit' nicht aus seiner, sondern einer sehr dunklen Feder stammt, und wenn ich noch ein paar wohlwollende Sentenzen zur höchst atmosphärisch geratenen Klanguntermalung von Hubl G äußern dürfte, die den ohnehin auf schnurrenden Stimmbändern spielenden und mitunter ins Rhythmisch-Hypnotische hineinreichenden Vortrag aufs trefflichste ..."

"Okay, Stranger, das war's. Genug kluggeschissen."

"Fenster auf, Männer! Ach was, laßt es zu, dann klirrt's besser!"

"Yeah! Da steht er jetzt, der Depp: einsam wie ein Stein bis auf die Knochen."

"Schee war's."

"Schee war's scho."

"So schee war's übahaupt no nia."


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer