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Frisch gepreßt 47 (Oktober 2002):

Klaus Paul Quintet - Beautiful Ground

Das Leben ist ein Hinterhof. "My Backyard": Da blüht die Erdbeere, da schwellen Feige und Paprika, da zirpt der Schreck, mümmelt der Weinbergschneck, rankt der Knöterich, prangt die Minze, flattert der Admiral, brummelt die Hummel, kribbelt der Ameisentrupp, robbt der Käfer, wölbt der Kaktus seine Glieder, schnarcht der Kater, und da tönt aus dem Fenster die Musik hinein in die glückfeuchte Frühherbstluft. Na, ihr Lieben, wie ist das alles so?

(Chor:) "Hach! Seufz!"

Und geht es euch gut?

"Pst!"

Klappzerapp: der Liegestuhl. Und schon ist man Teil der friedvoll surrenden Kollektiv-Harmonie und richtet den Blick und das Ohr aufs Detail. Doch o weh! Das hätte man lieber gelassen, denn nun wird man Zeuge dessen, was sich unter dem samtig-gemütvollen Überwurf abspielt: Da zerlegt eine gemeine Wespenbande den wehrlosen Ohrwurm in Einzelteile, da fleddert der Vogel den Wurm, da humpelt ein drittelentbeinter Weberknecht dem Hungertod entgegen, da schnürt der Grashalm erbarmungslos die Konkurrenzwurzel ab, da verschlingt der Kater schmatzniesend einen Nachtfalter, da entfaltet der Verwalter das Stabmaß der renovierungsgeilen Wirtschaftlichkeit, und zu allem Überfluß ist zwischen den perlschimmernden Zeilen der wundersüßen Klänge Befremdliches herauszuhören von zerschnittenen Pulsadern, einsamen Kämmerchen und, huch: "Music Will Kill You"!

So ist die Welt, so ist das Leben, möchte man denken, die Augen auf Schlitzenge schrauben und das Ohr mit rotgüldenem Nebelschleier verhängen; denn man weiß ja: Da draußen ist es auch nicht besser, höchstens schlimmer. Zum Beispiel im grellblühenden Stachelgarten des Musikgeschäfts - da ergeht es einem freundlichen Schmusetier wie Klaus Paul gar nicht gut. Da ist Klaus Paul Gitarrist, Bassist, manchmal auch Keyboarder, Mandolinist, Sänger, Trommler der Gruppe Loretta, die kaum jemand kennen mag, obwohl sie seit vielen Jahren regelmäßig wunderbare, liebenswerte Schallplatten voller Spätsommer-Hinterhofmusik veröffentlicht. Kennen kann/darf, sollte man sagen, denn die Geierschwärme und Hornissenarmeen der brüllenden Effektivität mögen so was nicht, und deshalb finden wir so was so oft wie einen fröhlichen Junikäfer im Termitenhügel. Noch viel seltener, wenn überhaupt, entdecken wir ein Lied wie "My Backyard": Das steuerte Klaus Paul zum letzten Loretta-Album "The Swimming Pool" bei, und das riß einen weithin unbekannten Musikkritiker zu der Aussage hin, darauf wären auch die Beatles stolz gewesen, zumindest George Harrison, zumindester aber Tom Petty und zuallermindest Klaus Paul selber, weshalb der Song auch hier wieder drauf ist, in einer schön nüchtern-trockenen Version, hier drauf also, auf Klaus Pauls Soloalbum, das aber kein Soloalbum ist, weil mindestens dreizehn Leute mitspielen, darunter Barbara Manning und Andreas Sauer, der Bandleader von Loretta, weshalb es summa summarum gar nicht so ein großes Wunder ist, daß das Album sehr an ein Loretta-Album erinnert, andererseits aber ...

... ist das alles nicht soooo wichtig. Wie Loretta-Alben werden wir auch diese Platte in den gängigen Outlets der Popverbreitungsmaschine vergeblich suchen, was wiederum nicht soooo wichtig ist, denn im Grunde ist die Welt ein Hinterhof, zumindest ist sie da am schönsten, wenn die Sonne strahlt, der Schreck zirpt, die Blätter behaglich schaukeln und Klaus Paul mit herbweicher Honigstimme "All is quiet, so so quiet" singwispert und uns rotgüldene Nebelschleier vors Ohr hängt. Wir tun, was der Firmenname sagt, und schon ist alles wieder gut.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer