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Frisch gepreßt 48 (Oktober 2002):

Add N To (X) - Loud Like Nature

Aus der Tiefe des Raumes öchelt und möchelt eine streng metallische Elektro-Klangsuppe: Öchel! Möchel! In der Mitte des Raumes Vater und Sohn, letzterer konvulsisch schwingend, ersterer skeptisch gefaltet; beide einem generationsübergreifenden Gespräch nicht ab-, aber auch im Moment unseres Zuschaltens umständehalber nicht sonderlich zugeneigt. Öchel! Möchel! Pause.

"Das ist ja seltsam! Gerade war mir, als hätte ich von Emerson, Lake & Palmer geträumt. Die haben von ihrer Plattenfirma den Auftrag bekommen, endlich mal einen Hit zu fabrizieren, und weil sie nicht genau wußten, wie das geht, haben sie versucht, eine Nummer von Gary Glitter nachzuspielen."

"Was zum Geier ist ‚Amazon, Like & Pommer'? Eine Werbeagentur?"

"Sohn! Was lernt ihr eigentlich heutzutage in der Schule?"

"Schule? Pah. Bin ich fertig mit. Brauch den Quatsch nich. Will sowieso Musikkritiker werden!"

Öchel! Möchel! Papa wagt eine Vorform von Addams-Family-artigem Grinsen.

"Wieso zum Geier grinst du so sardonisch? Und was ist das nun?"

"Sardonisches Grinsen, mein Sohn, gibt es nicht. Das entsprechende Tun ist nach einer auf Sardinien vorkommenden Pflanze benannt, deren Genuß krampfartiges Lachen erzeugt."

"Was deinen Fischen aus den Schuppen wächst, ist mir schnuppe. Und dein Amazon-Like-Zeug kannst du dir auch an den Hut stecken. Das hier groovt!"

Öchel! Möchel!

"Meinetwegen. Ausnahmsweise. Weil es wie ‚New York Groove' von Hello klingt, bloß ohne Gitarren, Baß und Sänger, dafür mit einem geloleptischen Telefon. Da: Jetzt geht der Krach wieder los! Wenigstens verstehe ich nun, wieso da fast nie einer singt und wozu Rhythmusmaschinen erfunden wurden: damit die Leute während der Aufnahmen rausgehen können. Oder groovt das etwa auch?"

"Wie Hölle, Erzeuger! Der Track heißt nicht umsonst ‚Quantum Leap'! Das ist ein Quantensprung in Sachen Dancefloor! Oder gibt es den etwa auch nicht, hä?"

"Doch, den gibt es. Unstetiger Grundvorgang der Quantenphysik; noch kleinere Energieabgaben kommen im Universum nicht vor. Doch zurück zu deinem Berufswunsch. Darf ich in diesem Sinne und zur Überprüfung der Notwendigkeit weiterer Erziehungsbemühungen ein kurzes Gesamturteil in Sachen der derzeit statthabenden Lärmüberschüttung einfordern?"

"Kein Problem, Vorfahr. Ich würde sagen: ‚Die Könige des Synthesizer-Rock starten voll durch und melden sich eindrucksvoll zurück mit einem Silberling, der treibende Beats, Noise-Elemente und zündende Sound-Ideen zu kongenitalen Dance-Krachern verbindet. Sie zelebrieren in beeindruckender Weise die subtile Dialektik von Mensch und Maschine im virtuosen Parcour, einer Tour de Force der Innovation, die in keine Schublade paßt.' Überschrift irgendwie ‚Schweinerock aus dem Prozessor' oder so die Schiene."

Öchel! Möchel! Papa ist baff.

"Alle Achtung, Sohn. So wird am Ende wirklich noch ein richtiger Musikjournalist aus dir. ‚Kongenital' heißt allerdings ‚angeboren', bezieht sich meist auf Erbkrankheiten und ist somit hier fehl am Platze. Gemeint war wohl ‚kongenial', was im Normalfall ‚geistesverwandt' bedeutet, jedoch gerne als Phrasenfüllstoff eingesetzt wird und dann ebenso wenig überhaupt was heißt wie der Rest deiner Rezension, die somit durchaus gelungen ist. Nur ein letzter Einwand: Erträglicher wird das Zeug davon nicht. Klingt immer noch wie Hawkwind nach einer Überdosis Fischertechnik."

"Hockwind? Igitt, du spinnst ja. Und jetzt Schluß mit Laber! Meine Bewerbungsunterlagen müssen heute noch an die Musikmagazine rausgehen."

"Wie du meinst. Ist ohnehin der letzte Dreck."

"Ne, einer kommt noch!"


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer