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Frisch gepreßt 49 (November 2002):

Belasco - Technique

Wenn die Luft kühler und feuchter wird und die Tage kürzer und dunkler, dann hilft alles nichts: Schluß mit der Camouflage der Sensationen, die angewelkt in der Gegend herumhängen - alle müssen sie fallen, herniederblättern und unter achtlosen Tritten zu ockerrotbraun unansehnlichem Matsch zermodern. Das geht nicht anders, denn in weiter Ferne erscheint am Horizont ein neues Jahr mit neuen bejauchzenswerten Wundern, und wer sich mit der Kollektion von Yesteryear behängt, der wird benasrümpft, beschultertäschtelt und alsbald ins Kämmerchen zum Alteisen verräumt.

Aber noch ist es nicht soweit, und wer ein kluger, romantischer Mensch ist, der nützt die halcyonischen Tage zwischen Abräumen des alten Tands und der Neubestückung des bunten Schaufensters nicht, um schon mal ein paar Trendraketen in den trüben Pop-Himmel zu furzen und Revivals, Crossovers und dies und das zu prognostizieren; sondern er nützt sie gar nicht. Er sitzt verträumt herum, blättert in antiken Jugendtagebüchern und widmet sich den Herbstzeitlosen.

Das sind wunderliche Geschöpfe: Blumen wohl, doch blühen sie nur, wenn nichts blüht, ranken sodann zierlich verhaucht aus grauen Wiesen, in bläßlicher Verletzlichkeit; doch sind sie giftig. Vielleicht liegt es an ihnen (denn ihre Farbe nimmt man an), daß man diese Jahreszeit so gerne kränkelnd auf dem Sofa verbringt; trübe fiebernd und anfällig geworden für den musinostalgischen Gedächtniswurm, kramt man im Blumenregal und zieht eine Herbstzeitlose nach der anderen heraus, leise bewispert vom freundlichen Wurm: Weißt du noch, wie schön der letzte Song auf der ersten Grant Lee Buffalo war? diese eine B-Seite von Gay Dad? das ganze grandiose Toshack-Highway-Album? der zweite Song auf der zweiten Seite der, schluck, Barclay-James-Harvest-LP? jener Bootleg von Wedding Present? die zerkratzte und verstaubte Cockney-Rebel-Platte? die ganz oben hinten irgendwo verräumte Fosca-Single? dies und das und jenes? Weißt du natürlich nicht mehr, denn du hattest schon lange keine Zeit dafür, mußtest immer das neue Zeug hören, von dem alle geredet haben.

Nun ist Zeit, und Zeit wird immer sein, solange es einen Herbst gibt und eine Melancholie, kränkelnde Tage auf dem Sofa und Wolkenschwärme plötzlicher Erinnerungen, und zum zukünftigen Herbstzeitlosenbukett wird das wundersame zweite Album von Belasco gehören. Eigentlich ist es kein zweites Album, denn das erste, "Simplicity", erschien vor zwei Jahren auf einem Label, das gleich darauf dichtmachen mußte, worauf die Platte verschwand, ehe sie ganz da war. Auf "Technique" sind vier Songs davon, dazu drei neue, und damit ist es fast ein ganzes Album und doch bloß ein Vorgeschmack und die ideale Herbstzeitlose. Denn diese schimmernden, schwelgenden, diskret grandiosen, tiefrot glühenden, fließenden, in eleganten Harmoniewechseln kaskadierenden, tiefen, melodiösen, intelligenten Songs sind so wunderschön, daß man sie nie mehr wirklich vergessen kann. Trotzdem wird sich in einem halben Jahr kein Mensch mehr an dieses Album erinnern; entweder haben Belasco dann einen Monsterhit gelandet und sind die neuen (besseren) Starsailor geworden - oder sie liegen begraben unter Dünen von Hype-Böllern und warten geduldig auf den nächsten Herbst, auf die halcyonischen Tage, wenn die Luft kühl und feucht wird und die Sensationen angewelkt in der Gegend herumhängen, wenn sie fallen, herniederblättern und unter achtlosen Tritten zu ockerrotbraun unansehnlichem Matsch zermodern.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer