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Frisch gepreßt 52 (Dezember 2002):

John Sinclair & His Blues Scholars - Fattening Frogs For Snakes

Es begab sich aber zu jener Zeit, daß ein Mann des Weges kam ins schwarze Herz der Motormaschinenstadt, der war so guten Mutes, daß noch dem gramsten Gesicht ein Lächeln sich entrang, wenn es auf ihn blickte, und es war kein Arg in seiner Seele, die aus seinem Munde sprach: »Wahrlich, ich komme aus dem schwarzen Herzen der Motormaschinenstadt, um euch zu bringen die Botschaft von Frieden und Freiheit, liebe Leute! Mein Name ist Blues; höret nun die Geschichte meiner Her-, Ab- und Hinkunft!«

So ließen er und seine Männer – denn sie waren ihrer viele – im Staub der Straße sich nieder und huben an zu singen und zu spielen, daß es eine Freude war und mancher gar gerührt. Und zu den wunderlich warmen Klängen von Saitenspiel und Trommelschlag erzählte der bärtige Fremde die Geschichte der Musik, die auch die Geschichte der Menschen und des ganzen Landes war, wie es dereinst gewesen.

Da näherte sich ein Mann, der den Fremden lang betrachtete, und frug endlich: »Sag an, Fremder, woher kenne ich dein Gesicht? Bist du am Ende Sinclairs John, von dem die Weisen künden aus den Tagen des Sturms? Hast du nicht angeführt die auf ewig im Herzen aufrechter Rockmenschen fortlebende MC-5-Bande im glorreichen 68er Jahr? Haben dich nicht in den tiefsten Kerker werfen lassen die Schergen der düsteren Macht? und hat dir nicht Lennons John gar einen Song gewidmet, den er nach dir benannte?«

Der Bärtige lächelte, und wahrlich: er war’s. Viel herumgekommen ist er in der weiten Welt als Dichter, Musiker, Journalist, Produzent, Professor, Vorsitzender der ruhmreichen White Panther Party ... Man huldigte ihm und wurde nicht müde, von seinen Taten zu künden: Das Land, so ging die Mär, war krank und die Hölle für all jene, die nicht genügend Kraft aufbrachten, selbst zu Gewinnern im Kampf aller gegen alle und die dunklen Mächte zu werden. Sinclairs John hatte einen Traum. Er träumte von der Überführung des Vereinigten Reiches von Amerika in ein Paradies von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. »Rock ‚n‘ Roll, Dope & Fucking in the Streets!« lautete der Wahlspruch seiner Horden. So erfüllt und besessen war er von seinem Traum, daß er vor dem Einsatz terroristischer Mittel nicht zurückschreckte; allerdings sollte nicht der Einsatz von Waffen zu Aufruhr und Umsturz führen, sondern die Urgewalt der Musik. Seine Sturmtruppe, die Motorcity Five, sollte als Avantgarde der fortschrittlichen Kräfte die Botschaft der Befreiung in die Welt tragen.

Doch fand sein Traum keine Erfüllung : Im Jahre des Herrn 1969 warf man ihn wegen Verschenkens zweier Joints in den Kerker; neun Jahre Zuchthaus lautete das Urteil. Protest regte sich, ,,Free John Sinclair»-Konzerte in aller Welt öffneten endlich nach zwei Jahren die Kerkertüren, und heraus trat der Mann, der unterdessen sein Manifest ,,Guitar Army« verfaßt hatte. Allein, auch seine neue Botschaft verhallte ungehört.

Ein Vierteljahrhundert sei nun vergangen, verkündet Sinclairs John schließlich, als sich die Nacht dem Ende zuneigt. Es sei an der Zeit, daß der Traum neu erwache, den er mit seinen tapferen und braven Leuten seit zwanzig Sommern unermüdlich verkünde. »Mag sein, daß ihr euch nicht mehr an uns erinnert«, ruft er der seligen Menge zum Ausklang zu, »aber nun sind wir zurück, und die Welt ist noch nicht verloren.« Da aber erschien ein Stern am Himmel, und die Gesichter der Menschen waren erleuchtet.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer