zurück zur "Frisch gepreßt"-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 

Frisch gepreßt 53 (Januar 2003):

Diverse Interpreten - Die München-Szene

Wenn es der typische, sagen wir mal: »Depperlkopf« mit Musik aus, sagen wir mal: südlicheren Teil Deutschlands zu tun bekommt, passiert seit vielen Jahrzehnten immer das gleiche: Er spart sich das Anhören, öffnet das bewährte Kistchen mit Standard-Formeln und Sprechhülsen wie »Bayernbuben«, »Weißwurstäquator«, »Hofbräuhaus«, »Haxn-Rock« und »Kuhstall«, wirft lässig-locker ein paar Namen in die Sülze (Kombinationen aus Beckenbauer, Spider Murphy, Strauß, König Ludwig, neuerdings Renate Schmidt), hält sich für ganz besonders top und stinkfischt im Sud aus Cool-Klischees vor sich hin. Daß seit einiger Zeit nicht wenige der Blätter, die den Phrasenpampf stets zuverlässig wegdrucken, selber in selbigem südlicheren Teil Deutschlands residieren, ist ein lustiges Paradoxon, macht aber nix. Es gibt, wir wissen das, wenn nötig in jedem Haus, in jedem Zimmer, in jedem Computer, in jedem Kopf eine virtuelle Zone für Bierdimpflpatronisiererei.

Das war, wie gesagt, zu allen Zeiten so; niemand wundert sich, daß bei der derzeit grassierenden Punk-Historisierung höchstens fünf Zeilen für München (in Form der tapferen Burschen von FSK) übrig sind.

Daran sind die Südmenschen nicht immer ganz unschuldig; tatsächlich steht die Tendenz, dich selber zwar ernst, aber so ernst nun auch wieder nicht zu nehmen und sich notfalls lieber an einen gemütlichen Biergartentisch zurückzuziehen und den Rest der Welt auszulachen, in krassem Widerspruch zu den Anforderungen des großen Geschäfts. Zudem herrscht, auch das mentalitätsbedingt, eine gewisse Tendenz zum offensiven Rückzug, vergleichbar mit dem »Mia san mia«-Phänomen, die sich in dem Satz zusammenfassen ließe: Es reicht doch, wenn wir unseren Spaß haben! Wozu sollen wir den anderen was abgeben!

Soweit das Naturgesetz. Sein Nachteil: Die lustigen Dinge, die im Süden herumtoben, entschwinden dem Gedächtnis so schnell wie der Rausch von letzte Woche, während nördlichere Sperenzchen jahrzehntelang als Evergreens oder Revivals radiogenudelt werden und sich dabei unweigerlich in Monstren der Unsäglichkeit verwandeln. Der Vorteil andererseits, und jetzt werden wir mal konkret: Peter Kraus, Ted Herold, die Lords und die Rattles erträgt kein normaler Mensch mehr ohne Brechreiz oder Weinkrampf. Hingegen der wahre König des deutschen Früh-Rock mit dem unvergleichlich antikommerziellen Namen Paul Würges, der später auch mal als »Cliff Jackson« Plärr-Beat mit Akkordeon kombinierte? The Beatstones, die im Januar 1967 mit den Kinks im Circus Krone spielten? Peter Turba-Gordon und Die Midnights? The Delegates mit Uwe Reuss (aka Johnny Tame)? The Thanes (Slogan: »Beat From Pasing«!)? The Bowlers? The Bees? The Beavers? The Blackberries? The Boules? The Cadillacs? The Crickets Five? The Dukes? The Dynamits (mit Sänger Tess Teiges alias Manfred Lehmeier-Perilano alias Elvine alias Ric Tess alias T.I.P. alias, ähem, Fancy)? The Empty Faces? The Lovely Pictures? The Migjags? The Mop-Tops? The Roadrockers? The Lovers (die 1972 in Kitzbühel John Mayall auf die Bühne baten und mit ihm »Die alten Rittersleut« spielten)? und all die anderen vogelwilden Rock- und Beat-Kapellen, die zwischen 1956 und 1972 durch Münchner Clubs wie Dolly-Bar, Palais de Dance, Rumba-Bar, Big Apple, La Luna, PN-Hithouse, New Crackerbox, Kristallgrotte, Birdland, Tabarin, Schmuckkasten, Sollner Alm, Café Fischer, Café Steger, Dschungelbar, Gasteig-Alm, Babalu, Café Rex, Nest, Blow Up tobten?

Letzteres (heute als »Theater der Jugend« bekannt, während man von den meisten anderen Lärmhöhlen, die später dem Ruhebedürfnis zugezogener norddeutscher Börsen-Magnaten weichen mußten, kaum noch die Adresse weiß) ziert das Cover dieser wunderhübschen Sammlung von 29 Aufnahmen aus der Hochzeit des Münchner Beat-Booms (von Paul Würges »Sleep Walk« (1959) bis zur frappierenden Lovers-Version von »2000 Light Years From Home« (1967), die konsequent zwischen Ekstase, höchster Musikkunst und schreiender Komik herumtaumeln und damit München genau so zeigen, wie es immer war und immer ist: way out, absolutely way out.

Dies (hübsch kommentiert und bebildert im 44-Seiten-Booklet) ist weitgehend alles, was aus jener Zeit blieb, denn Plattenfirmen hatten schon damals wenig für süddeutsches Rumpeln und Röhren übrig. Uns muß das reichen, und den Rest der Welt wird es kaum tangieren. Macht nichts. Das Leben ist so schöner, denn man hat die guten Sachen für sich und spart sich Missionieren und Marktschreierei. Man kann sich dann außerdem seine Peinlichkeiten selber aussuchen, und zwar die richtigen.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer