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Frisch gepreßt 54 (Januar 2003):

Headcornerstone - Headcornerstone

»Aus gegebenem Anlaß, Freunde, werden wir heute Patois sprechen müssen!«

»Wot sett?«

»Genau. Es ist nämlich ze Winter ein übler Geselle, den man am besten draußen before ze Tür hält, indem man sich ganz fest an ze Gestade of ze sonnige Jamaica wähnt. Und dann brauchen wir of course noch große Mengen von sett Stuff, wo einem davon ze Kopf so schön schwurbelt und weich wird!«

(Hinter dem Tresen wird abrupt der Kopf des Wirtes sichtbar, der ungewöhnlich alarmiert aussieht.)

»Wenn ich einen beim Kiffen erwische, sperr ich das Klo zu! Dann könnt ihr draußen pinkeln! Letzte Warnung!«

»Nix Angst, Brozza Wirt! Nix Ganja! Vielmehr ist natürlich ze Music gemeint!«

»Meinetwegen, wenn’s nicht wieder so wirres Lärmzeugs ist, wo mir die Gäste weglaufen und ich auf meinen Schnitzeln sitzenbleibe.«

(Es ertönt ein fließender, bunt funkelnder Cocktail aus knorrigen, schimmernd polierten Roots, schwebenden Melodieschleifen, entspannt-sehnsüchtigen Satzgesängen, schmurgelnden Reggae-Gitarren, spacig verhallenden Dub-Echos, stupsenden Dancehall-Beats und ... der Chronist stolpert und beginnt sich hilflos hüstelnd im Metapherngebüsch zu verirren.)

»Jah Man! I and I got to be free! Waren das Zeiten! Hintern im Sand, Tüte im Mund, die Erinnerung von ze Sonne hot like fire auf ze Haut, ze warm schwappende Abendsee an ze nackten Zehen, ein leiser Wind im Bambus, hach!«

»Schade, daß du nie dort warst.«

»‚Dort‘? Jamaica, Man, ist überall. Wie dir bekannt sein dürfte, fließen die Grundfarben Rot, Gelb und Grün durch jedermanns Organismus, in Form von Blut, Galle und, äh, na ja.«

»Großartige Theorie! Ich vermute eher, daß wir es hier mit neun Musikern zu tun haben, die ihr Handwerk so perfekt beherrschen, daß sie es nur vorne hineinstecken müssen, damit hinten Inspiration herausraucht.«

»Go away, Demon! Kein Wunder, daß wir poor Seelen in Babylon harren müssen, solange wir uns an ze Trugbild klammern, das wir ze Realität nennen, das aber nur ...«

»Das Gegenteil ist richtig: Statt unsere Seelen zu befreien, indem wir die eigenen Wurzeln ausgraben, sind wir Opfer eines umgekehrten Musik-Kolonialismus geworden, der uns mit Ahnungen fremdozeanischer Befreiungstraditionen an die Reproduktion der dazugehörigen Manifestationen fesselt und uns suggeriert ...«

»Äh, darf ich das noch mal hören?«

»Kurz gesagt: Milbertshofen, Man, ist überall. Wenn ich darauf hinweisen darf, daß diese neun People Heiner, Matthias, Flo, Uli, Micki, Moritz, Hannes, Christoph und Julia heißen? Und dein Patois-Gefasel perpetuiert das Denken in Strukturen des Post-post-, äh ...«

»Elender Spaßverderber! Diese Diskussion haben wir schon vor 22 Jahren über ‚Sandinista!‘ geführt, und damals wie heute hast du unrecht. Wer so Großartiges schafft wie ‚Zion Call‘, der wärmt uns ze Herz und bringt ze One Blood zum Kochen, das an allen Gestaden der weiten Erde im gleichen Rhythmus fließt. Und es ist, wir wissen das, ein schmaler Grat zwischen Imitation und der Adaption des wahren Lebens aus dem wahren Geist. Es ist aber ein breiterer Grat zwischen Zuhören und Blöddaherreden.«

»Uff! Ich ...«

»Pst! Ende of ze Diskussion.«

(Ein letztes kurzes Rascheln und Rumpeln, als der Chronist das Phrasengestrüpp mit einem Machetenschwung teilt; friedliches Grooven vereint die Menschen, während der Winter draußen vor der Tür frustriert darniedersinkt.)

»Wenn ich einen very littel Einwand wagen darf: Ze Toaster ist mir ein bißchen zu vorlaut, Man. Der sollte manchmal eine littel Pause einlegen und ze Musik schwingen lassen, diese großartige, warme, weiche, ach ...«

»Oke, Brozza. He, Wirt, hier wird zu laut getoastet!«

(Hinter dem Tresen wird der Kopf des Wirtes ratlos gekratzt, schleppt sich sodann gähnend zur Küche)

»He, Marley! Mach mal den Toaster leiser!«


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer