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Frisch gepreßt 55 (Februar 2003):

Go-Betweens - Bright Yellow Bright Orange

So läßt man sich nieder am Feuer und lacht freien Herzens, denn man weiß: Es ist das Schöne am Frühling, daß er nicht plötzend Einzug hält, dem Herbst gleich, der anbricht über die Nacht, wenn das zage Herz gewiß ist, daß am Morgen der Regen die warme Hand des Sommers ein für alle Mal aus den Wiesen gewaschen haben wird und bitteren Tau an ihre Stelle gesprüht und getränkt in Trauer vergebene Hoffnung, sondern der Frühling vielmal sein zartes Band durch helle Lüfte wehen läßt; erhobenen Gemüts man dann durch verkommene Inseln von Restschnee streift und selbiges nicht mehr drücken läßt von letztem vergeblichem Andrängen des alten Winters, mag er auch noch so wütend sich geben. Der Frühling kommt tageweise, mal ein letzter Dezembersonntag, dann ein früher Februarfreitag, doch ist er sicher da, wenn das Feuer nicht mehr grimm brüllt, vielmehr seine Flammen froh lodern und die Männer mit den Holzgitarren zur Musik laden ... (tüdeldadeldü!) ... ja Herrgott, was ist denn?

»Guten Tag! Ich bin Robert Forster und würde Ihnen gerne das Lied von Caroline und mir selbst vorsingen, um etwas Sonne in ihr Leben zu bringen. Wie wäre das? Effektgeräte? Monsterverstärker? Danke, brauche ich nicht. Wenn Sie vielleicht ein bißchen trommeln könnten. Ach so, und wo ist eigentlich mein Freund Grant McLennan? Den brauche ich natürlich schon, ohne den bin ich genauso halb, lahm und lau wie er ohne mich.«

(Tüdeldadeldü!) Ja nun. Wo sind denn die wehenden Schneeschleier hin? Warum braust der Sturm auf einmal so brausenlos?

»Guten Tag! Ich bin Grant McLennan und würde Ihnen gerne das Lied von Mrs. Morgan vorsingen, um ein kleines Lächeln in Ihr Gesicht zu zaubern. Ist mein Freund Robert Forster schon da? Sei mir gegrüßt, lieber Robert!«

»Vorab sollten wir Ihnen vielleicht kurz erklären, wie das funktioniert; möglicherweise spüren Sie eines Tages auch das Bedürfnis, ein wenig Sonne in das Leben Ihrer Mitmenschen zu bringen und ein kleines Lächeln auf Ihre Gesichter zu zaubern. Wenn Sie dann gerade eine Gitarre zur Hand haben, könnten Sie zum Beispiel vier Akkorde spielen, so etwa, daß die ganze Sache schön schwingt.«

»Dann brauchen Sie nur noch eine hübsche kleine Geschichte, die auf eine hübsche kleine Melodie draufpaßt. Vielleicht finden Sie eine in Ihren alten Tagebüchern? oder wenn Sie aus dem Fenster sehen? oder einfach so?«

»Singen, werden Sie feststellen, kann eigentlich ein jeder, der ein gutes Herz hat. Wenn es so klingt wie Lou Reed in jenen frühen Tagen von Velvet Underground, dann müssen Sie sich nicht grämen: Viele schöne Dinge erinnern an die frühen Tage von Velvet Underground.«

»Vermeiden sollten Sie lediglich Großmannssucht, Brunftgeschrei, pyrotechnisches Brimborium, weltumarmerische Pathosduseligkeit, Ruckizucki-Hektik, Grusel-Häme, Elektro-Klimbim und dieses ganze Zeug. Und singen bitte nur, wenn Ihnen wirklich was einfällt!«

»Genau, und das war’s weitgehend. Nun fangen wir einfach mal an: Rattled through our teenage years / Battled and loved who we fought / The first time you left home on your own I knew / A little bit of you is gone when you do ...«

»You’re tired and bit frost / Tattoos and snapshots / Then lose your way / Unfinished business / Are you gonna make it?«

Da ist es wieder, weit hinter den schweren Wolken und doch so nah, dieses sanfte Lächeln. Und wir wissen: Es mögen noch dunkle Tage ihre Schneetücher übers Land breiten und horren mit finsterer Fratze, allein schrecken sie uns nicht mehr; die Kohlen gehen zur Neige, und neue kauft man nicht mehr, denn prächtig gelb und orange blüht das bescheidene Feuer des Frühlings und der Go-Betweens und wärmt das Gemüt, hei! wie schön.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer