zurück zur "Frisch gepreßt"-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 

Frisch gepreßt 56 (Februar 2003):

Ry Cooder & Manuel Galbán - Mambo Sinuendo

Wenn die fette alte Sonne hinter dem Malecón im Meer versinkt, die Straßenbuchhändler im Parque Central ihre Karren zusammenpacken und die Feierabendzigarre anwerfen, der Maurer in der Neptuno die Kelle zu seinem dösenden Kollegen in die Schubkarre fallen läßt, wenn vor den Straßenbars die Kaffeetassen gegen Mojitogläser getauscht werden und die Frommen sich um Espiritu Santo versammeln, um den Tag auszuläuten – dann sitzen auch die vier Männer wieder in ihrem verwilderten Vorgarten, lassen die Cristal-Dosen zischen, stellen die Ohren auf und lauschen. Verhaltene Akkorde, sehnsüchtig twangende Melodiefetzen wehen herüber, und ein Schimmer besternt ihre Augen.

»Ach ja, die alten Zeiten ...«

»Wie gut, daß es Manuel gibt. Dieses dauernde Buena-Vista-Geträller war ja nicht mehr auszuhalten. Und das ewige Holzgeklampfe! Als hätten wir hier keinen Strom!«

»Die Jungs rollen inzwischen die ganze Welt auf und drehen den Kapitalisten die Hosentaschen um, hehe!«

»Hihi, und keiner hat gemerkt, daß Manuel damals den Americanos ihre Musik geklaut und hierhergebracht hat.«

»Moooment mal! Ist gar nicht wahr! Los Zafiros haben schon Twang-Blues-Doowop-Mambo-Jazz gespielt, als Duane Eddy noch als Zeitungsjunge sein Taschengeld verdient hat und Dick Dale noch nicht mal wußte, wie ein Surfbrett aussieht!«

»Und Stan Kenton und Henry Mancini haben den Cha-Cha-Cha bei Perez Prado gelernt!«

Das Gespräch wird abrupt unterbrochen, als ein klappriger Lieferwagen um die Ecke in die Straße biegt. Die vier Männer eilen zum Zaun und spähen in den gelbgrauen Dunst.

»Was ist denn das? Wer fährt denn hier rum?«

»Um diese Zeit! Das ist doch gefährlich!«

»Ist es nicht, der hat Scheinwerfer.«

»Scheinwerfer? In ganz Havanna gibt es kein solches Auto mit funktionierenden Scheinwerfern!«

»Pst! Schaut mal: Da steigt einer aus. Kennt den jemand?«

»Weia! Das ist wieder dieser Americano, der damals die Buena-Vista-Leute aufgestöbert hat! Der war schon paar mal hier und hat nach Manuel gefragt.«

»Was?! Du Dummkopf hast ihm doch hoffentlich nichts verraten!«

»Ehrlich gesagt ... er wollte ja bloß wissen, ob Manuel noch lebt, ob es die Zafiros noch gibt und so Sachen. Da hab ich ihm eben ein paar Geschichten erzählt. Konnte ja nicht ahnen ...«

»Alter Esel! Da hast du uns wieder was Schönes eingebrockt mit deiner Angeberei!«

»Weia! Der hat so Zeug dabei!«

»Zeug?«

»Na, Tonbänder, Mikrophone, Gitarren. Jetzt trägt er auch noch ein Schlagzeug ins Haus. Nein, ZWEI Schlagzeuge, heilige Hundekacke! Und da sind ja noch mehr Leute dabei! Kennt die jemand?«

»Der eine sieht aus wie der Americano in jung, das ist sicher sein Sohn. Und da ist noch so ein Bleichling, hm. Der Typ mit dem Baß könnte Cachaito Lopez sein, den hab ich hier schon öfter rumschleichen gesehen. Und Miguel Diaz ist ja immer dabei, wenn es was zum Trommeln gibt.«

Die Musik wird langsam lauter und schneller; die Schlagzeuge scheppern, die Gitarren twangen, und schließlich werfen unsere vier Männer ihre Stühle über den Zaun auf die Straße und tanzen ausgelassen im Garten herum, wie damals, vor über fünfzig Jahren, und man sieht ihre Zähne strahlen in den lachenden Gesichtern. Als die Sonne aufgeht, sitzen sie immer noch grinsend im Gras und schlürfen das letzte Cristal.

»Ach ja, die alten Zeiten ...«

»Wißt ihr was, Freunde? Eigentlich habe ich gar nichts gegen den Americano. Ich fürchte bloß, er wird Manuel mitnehmen, und dann dreht die ganze Welt so durch wie wir, hehe.«


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer