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Frisch gepreßt 57 (März 2003):

Maceo Parker - Made By Maceo

Man muß da noch sehr vorsichtig sein! Erst zwei Tage ist es her, daß die Pappnasen durch die Straßen getorkelt sind, urkehliges Grölbrunströhren ausstoßend und Bewegungen ausführend, die man diesseits der großen Stil-Wasserscheide als »Tanz« bezeichnet; und dann ist es ja grundsätzlich sowieso fraglich, ob der Mensch überhaupt für so etwas geeignet ist – in jedem Fall wird er am Ende schweißgebadet sein und den Rand seiner Verausgabungspotentiale erreicht haben. Daher ...

»Grummel! Was erzählt der Typ denn da?«

»Ist’s schon dunkel draußen? Können wir vorsichtig die Jalousie raffen?«

»Ist’s schon Samstag? Kann man darauf rechnen, daß die Nachbarn sich genug beruhigt haben, daß wir langsam mal die Flaschen zum Glascontainer bringen können?«

... sollte, wie gesagt, Vorsicht zur Waltung kommen. Andererseits könnte auch dies eine gewisse Mühe bereiten, denn schon die scheinbar zaghafte Einladung »Come By And See« ist nicht zu unterschätzen: ein paar Sekunden rein in die ersten Takte, und flugs schießen Stromladungen in die müden Beine, und wenn Maceo dann das Blatt bezungt, geht ...

»He! Das ist Musik! Ach du grüne Neune!«

»Huch, meine Dauerwelle!«

»Aspirin! Aspirin! As ... bürüüuu ...«

»Mann! Das hab ich ja noch nie gesehen: Luftsaxophon!«

»Alles gut und schön, aber bitte nicht so laut bitte!«

... es ganz schnell, und die Stimmung nimmt unwiderstehliche Züge an. »Off The Hook« könnte man in diesem Zusammenhang näherungsweise mit »Außer Rand und Band« übersetzen, obwohl der Groove-Schritt durchaus gemessen ist; auch »Hats Off To Harry« wollen wir als milde Untertreibung durchgehen lassen: Was hier fliegt, sind keine Hüte, sondern ...

»Yeah.«

»Irgendwie cool, das. Dämmert irgendwie, das.«

»Yo! und ha! Zuppdizupp, Buben!«

»Ich bitte um Verständnis, aber ich würde es gerne vermeiden, jetzt schon wieder in eine Situation zu geraten, wo ich ... ach, egal.«

... die Kuh.

»Mooooooove! Uh!«

»Hat jemand mal die Telephonnummer von den Mädels da?«

»Wo ist meine Sonnenbrille!«

Man möchte meinen, das Genre, das man zur Vermeidung schwammig-schwirbeliger Wirrbegriffe mal so Pi Daumen halbüberschneidungsmäßig zwischen Funk und Jazz mit Ausläufern in Swing- und Blues-Areale ansiedeln sollte, wär eine alte Kuh, äh, Hut; aber da hat man das Intro zu »Quick Step« noch nicht gehört. Was weiterhin durchaus alles recht konventionell läuft, aber ein Saxophon sieht ja auch seit vielen Jahrzehnten gleich aus, ohne deshalb langweilig auszusehen, gell?

Äh, hallo?

Konstatieren wir des weiteren: Spätestens bei den zuckig-zockigen HipHop-Anklängen von »Those Girls« rutscht auch dem letzten der Verstand auf Hüfthöhe (wenn er nicht gerade einen hohen mentalen Untervolljährigkeitsgrad aufweist, der ihm hier und anderswo den Zugang verwehrt), und weil dort unten keine Sprechorgane anzutreffen sind, verlagert sich die Kommunikation in den Bereich nonverbaler Signalversendung.

(Fingerschnipp! Zappel! Grins! Schwitz!)

Wir wollen nicht verschweigen ...

»Oooch, jetzt kommt schon die Ballade!«

»Wird auch Zeit. So fit bin ich noch nicht wieder.«

»Hach! ›Moonlight In Vermont‹!«

»Und schon geht’s weiter, Leute! Uh! Ah!«

... daß der Ablauf der Dinge auf dieser properen Party-Packung in etwa so überraschend und innovativ ist wie Cover und Titel andeuten. Aber daraus läßt sich dem Herrn Parker kein Vorwurf annageln, denn bei Platten dieser Art verhält es sich in etwa so wie bei Kanonenschlägen: Man weiß, was drin ist, man weiß, was rauskommt, man kennt die Wirkung, und knallen und rauchen und blau verhallen tut es trotzdem jedes Mal wieder. Zumindest wenn das Pulver so trocken ist und die Funken so zünden wie hier.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer