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Frisch gepreßt 58 (März 2003):

The Monkees - Live Summer Tour

1965: Amerika sucht den Superstar! Schuld sind: vier Bürschchen aus dem öden Liverpool, die die jugendkulturelle Hegemonie der US-Kulturindustrie in Frage stellen. Schuld sind des weiteren: Bob Rafelson, ehemaliger Trommler einer mexikanischen Jazzband, und Bert Schneider, Sohn des Präsidenten von Columbia Pictures, beide von Richard Lesters Beatles-Komödie »A Hard Day’s Night« so angetörnt, daß sie ihre lukrativen Jobs im Film-Business hinwerfen und Raybert Productions gründen, mit dem einzigen Ziel, eine TV-Serie über eine Band zu produzieren: »eine New-Wave-Show, total far out!« Da ist kein Platz für gedrillte Imitanten, BWL-Spießer, Reihenhaus-Tussen und piepsende Vogelscheuchen, da müssen echte Kerle her, und deshalb wird in der Zeitungsannonce nur ein qualifizierendes Merkmal verlangt: Wahnsinn.

Bei den Castings wird auf Gesangstalent kaum Wert gelegt, dafür auf andere Qualitäten: »Stell dir vor, du wärst auf dem Mars. Wo würdest du einen Hamburger essen gehen?« lautet eine der harmlosesten Aufgaben, die hunderte von irren, wirren, genialischen und schrägen Kandidaten-Vögeln möglichst schauspielintensiv lösen sollen, darunter jede Menge angehende Rock- und Filmstars (die meisten derzeit noch als arbeitslose Herumtreiber tätig). Bei der Auswahl spielt ein »Ted« glücklicherweise keine Rolle: Micky Dolenz (21), ehemaliger TV-Kinderstar, der bei den Missing Links schon mal ein bißchen Gitarre gespielt und zuletzt Architektur studiert hat, bekommt die Rolle, indem er Schneider und Rafelson dabei hilft, einen Turm aus Gläsern, Pappbechern und Flaschen zu bauen. Peter Tork (22), zu aufgeregt, um irgendwas zu sagen, wird erwählt, weil er aussieht wie Harpo Marx. Tork hat zuletzt als Penner in Greenwich Village sein Geld verdient, indem er in Cafes den Hut rumgehen ließ. Davy Jones (20) überzeugt die beiden Neu-Tycoons mit unverschämten Fragen in breitem nordenglischen Akzent. Mike Nesmith (25) schließlich ist zwar schon verheiratet und Vater, kann aber als einziger eine nennenswerte musikalische Reputation vorweisen: Er hat mit Linda Ronstadt und späteren Mitgliedern der Byrds und Eagles gespielt und ist zu den Auditions nur gegangen, weil ihn sein Kumpel Stephen Stills (der wegen seiner schlechten Zähne abgelehnt worden war) zum Spaß hingeschickt hat.

Nach einer seltsamen Abform von Schauspielunterricht, während dem die vier sich stundenlang in Zeitlupe bewegen und so tun müssen, als wären sie Krabben, Teekessel oder Giraffen, beginnen die Dreharbeiten. Die ersten Ergebnisse sind frappierend: Kameras laufen ohne Regisseur, Darsteller stolpern über Kabel und unterhalten sich mit Personen außerhalb des Sets, Filme werden unter- oder überentwickelt, umgedreht, rückwärts abgespielt. »Sie ließen uns Szenen so lange spielen, bis sie perfekt waren«, sagt Dolenz. »Dann nahmen sie die Outtakes.« Die benebelte Mittsechziger-Filmindustrie ist begeistert und dreht den Geldhahn auf. Keinen Tag zu früh: Dolenz ist inzwischen arbeitslos, Tork Tellerwäscher, und Nesmith steht auf der Straße, weil sein Bauwagen beschlagnahmt worden ist. Der Rest ist bekannt: ein Wirbelsturm von Hysterie und Irrwitz Experimenten, Pop-Evergreens und haarsträubendem Blödsinn, ein quälendes Ende im totalen Mißerfolg, Klappe zu. Monkee tot?

Nein. Irgendwas muß an der fiktiven Freundschaft drangewesen sein, denn die Monkees, die zum Ruin ihrer Karriere selber am meisten beitrugen, indem sie auf alle Regeln von Geschäft und Professionalität pfiffen und notfalls auch mal einen Produzenten beschimpften, erpreßten oder verkloppten, taten sich immer wieder zusammen und produzierten mit gehörigem zeitlichen Abstand zwei Comeback-Platten – beide nur als Witz gedacht, über den allerdings vor Entsetzen kaum jemand lachen konnte. Und sie gehen immer mal wieder auf Tournee; und wir vermuten, das liegt daran, daß sie im Herzen das geblieben sind, was sie damals waren: naive, ausgeflippte, fürchterliche liebenswerte Kinder, denen nichts so gefällt wie mit guten Freunden auf einer Bühne herumhampeln und strahlen und lachen.

Klar: Es gibt, zumal Mike Nesmith mal wieder fehlt, viel wichtigere Monkees-Platten als diese (sagen wir: die ersten sieben oder acht) – mehr als solider Pop und zehn Pfund Nostalgie ist da nicht zu haben. Aber sie ist ein guter Anlaß, mal wieder daran zu erinnern, daß nicht alles, was aus Amerika kommt und knallt und raucht, ein Schrecken für die Welt sein muß. Und nicht alles, was aus TV-Castings hervorsprießt, öd und blöd und trottelig.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer