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Frisch gepreßt 59 (April 2003):

Appliance - Are You Earthed?

»Ja wie? Was soll das heißen: ›NO DISC‹?«

»Das ist nicht weiter schlimm, nur ein in diesem Fall durchaus mehrfach signifikanter Ausdruck von negativer Kompatibilität. Die Zuordnung der Konsumeinheiten bei der Abtastung und elektrophysikalischen Konversion weist chaotische Strukturen auf, die den Ausgabeprozeß verhindern.«

»Oh! So!«

»Eine Art Geduldsprobe. Wir sollten das als symbolischen Wink mit dem imaginären Tonarm verstehen und zeitgleich zur Fortsetzung unserer Extrahierungsbemühungen gegensätzliche Erfahrungen einleiten, sozusagen zur Erhöhung der Differenzerwartung, was eine Frage von Weite und Detail ist. Also etwa ›As Far As I Can See‹ komparieren mit ›Reisen in die Nähe‹, wie sie Renate Just in ihrem lobenswerten Buch ›Krumme Touren‹ erzählt.«

»Oh! Jetzt kommt was!«

»Schade, ich wollte gerade zu einer umfassenden Würdigung von Justs eleganter und auf erstaunlich anrührende Weise unmoderner Umsetzung von Detailschönheit in Sprache ansetzen. Signifikant erschien mir dabei gerade die Vermischung von krummer Bewegung und gerader Bewegung, dort in Form von Chiemgau-Ausflügen mit dem Auto statt der Bahn, hier als eisenbahnhafte musikalische Reise ins mikroskopisch Verästelte unter Titeln wie ›Boats‹ und ›Mountains‹. Aber egal; begeben wir uns mittels einer bezugssystemischen Transformation in eine Art Chiemgau des Tons, ähem.«

»Ähem. Wenn mich nicht alles täuscht, kommen Appliance aus Exeter, mithin Britannien.«

»Schon. Nicht gemeint war eine folkloristische Knüpfung an uns Rezipienten. Aber ihre Platten machen die Herren Brooks, Ireland und Parker im eigenen Heimstudio, und Heim ist Heim, hier wie dort, auch ohne Mat (oder, um eine uralte Appliance-Single zu zitieren: ›Into Your Home‹). Denn eben auch hier finden wir uns konfrontiert mit, wenn wir einmal eine Visualisierung versuchen wollen, dem Detail als unvergleichlicher Endgröße, durchflutet vom Licht der unsteuerbaren Empfindung, ohne den großen Zusammenhang aus der halbbewußten Wahrnehmung zu verlieren. Was uns berührt, ist die Tiefe der Reduktion, eine Art Reinigungsarbeit, bei der die zähe Plaque modernmusikalischer Klischees und produktionstechnischer Konventionen vollständig entfernt wurde und die strahlende, immakulate Substanz der akustischen Bewegung sich entfaltet. Was natürlich eine Frage des speziellen Falls ist, denn wenn man denselben Reinigungsvorgang an 99 Prozent der modernen Popmusik vornähme, bliebe nach Entfernung des Überzugs nichts übrig außer einer unangenehmen Leere.«

»Die waren mit Wire auf Tour, an soviel kann ich mich erinnern.«

»Genau. Auch dies folgte dem Prinzip der Einleitung gegensätzlicher Erfahrungen zur Erhöhung der Differenzerwartung. Denn tatsächlich könnte es kaum eine größere ästhetische Entfernung geben. Ohne den Konterpart etwa anhand seines majestätisch grandiosen neuen Albums ›Send‹ einer eingehenden Diagnose zu unterziehen, stellen wir fest: Was Appliance entstehen lassen, ist landschaftliche, mithin anti-urbane Musik, deren monotonale, rhythmisch repetitiv-primitivistische Strukturen ein hohes Anklangspotential an similare Bemühungen im deutschen Raum in der ersten Hälfte der 70er Jahre aufweisen. Ich erwähne die Namen Can, Neu! und Kraftwerk, ohne auch nur in die entfernte Nähe einer Plagiatsunterstellung geraten zu mögen. Nein, nein. Es lassen sich zudem auch, vor allem was die vokale Seite angeht, Züge der späten Beatles erkennen. Wohingegen ich die Anklänge an Suicide in ›The Blue Rider‹ – vgl. ›Ghost Rider‹! – als Zitat verstehen würde. Und übrigens markiert diese Schallaufnahme in gewisser Hinsicht das Ende der elektronischen Musik: Denn was hier künstlich klingt, ist echt, und umgekehrt. Damit ist eine Grenze erreicht, wo sich, sagen wir mal, Mimikry und Transsubstantiation ontologisch vermengen. Räusper.«

»Uff. Das mag alles sein. Aber um den Gedanken der Reduktion aufzugreifen, würde ich in einer spontanen Aufwallung von ungefilterter Emotionalität behaupten: Oh, ist das schön! Ist das eine wunderschöne Musik!«

»Ähem. Nun gut, so könnte man es auch sagen.«

 


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer