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Frisch gepreßt 60 (April 2003):

Diverse Interpreten - Tervetuloa Kioskiin Vol.1

»Lieber Fünfter als Fürther!« sagt der aufrechte Franke. Woher das kommt, wissen wir nicht. Es gilt jedoch: Lieber Finnland als Inland, und wohin führt das? In den »Kioski«, d.h. nach – genau: Fürth, in den außerhalb Finnlands einzigen finnischen Plattenladen der Welt. Da wird ausgestellt, gelesen, musiziert, da beißen auch mal weltberühmte Sportreporter in den Pulla, und vor allem gibt es da soviele und so finnische Schallplatten, daß man um eine Auswahl der Höhepunkte nicht herumkommt, so oder so.

Jymähdellä! Jylinä! Jymähdys! Die Reise in den Irrwitz beginnt mit den Hypnomen, dann rocken The Nightingales wie Mott The Hoople 1973 (beim Soundcheck, also noch einigermaßen nüchtern, aber ansonsten ...). Die Kulissen wechseln im Circa-drei-Minuten-Takt. Trouble Bound Gospel: die späten 70er, sagen wir mal Squeeze in Faschingsverkleidung als Suburbia-Outlaw-Heavy-Prog-Tanzkapelle mit jedenfalls größeren Ambitionen als Bauchumfängen. Sweetheart fangen ein bißchen später an, tageszeitmäßig: Alice Cooper, unrasiert und fern der Heimat, ertränkt sein zehntes Bud kurz vor Sonnenaufgang in einer Weltuntergangsballade, die Johnny Thunders und Frankie Miller vorher auf dem Klo geschrieben haben, und merkt erst nach dem zweiten Refrain, daß er Iggy Pop ist. Kumikameli mag das »ernsthafte« Projekt der notorischen Eläkeläiset-Leute sein (die kommen später mit der Polka-Version von Slades »Cum On Feel The Noize«), aber der Ernst ist ein ganz besonderer. Sagen wir mal: Fünf betrunkene Osterhasen versuchen sich an einer Enuit-Folk-Metal-Version von Boney M.s »Rasputin« in Lappen-Sprache. HC Andersen sind wir früher schon mal begegnet (an einem Ort, den es nicht gibt), ohne passende Worte zu finden; seine (?) Sehnsucht nach etwas (das es nicht gibt) ist seither noch gewachsen (obwohl das Stück von damals ist). Die Screamin‘ Stukas könnten auch New Oslo Dolls heißen, wenn sie nicht so süß singen täten, zwischendurch fast so ätherisch wie A-Ha klängen und wenn ihre Chorus-Melodie nicht ein solcher Ohrwurm wäre, daß es fast wehtut. Disgrace stellen MC 5 auf vier Beine, Kostajat melodiert herzerwärmend, La Sega Del Canto entstünde in etwa auch, wenn man Ernst Jandl und Herbert Achternbusch in ein Theremin einspeisen würde; den Namen der genialischen Wild-North-Melancholiker Osuuskuntaorkesteri Solistinaan Ismo Alanko versuchen wir gar nicht erst auszusprechen, Cleaning Women singen ein »deutsches« Lied von der Autobahn (gespielt auf Wäscheständern; doch, ehrlich!), bei The Duplo zwitschert ein elektronischer Engel zu einer Variation von Bowwowwows »Louis Quartorze« vom Sommer 99 ... so geht sie weiter, die musikalische Reise um den Polarkreis der Skurrilität herum, 20 Stationen lang, und nicht eine einzige davon ist auch nur annähernd unbesuchenswert.

Die Summe lautet: Was in den letzten dreißig Jahren an Underground-Pop entstand und wieder verging oder im Schlamm der Plattenindustrie erstickte, davon sind die randständigen Brösel (das sind ja immer die interessantesten) rechtzeitig weggebröselt, den langen Rinnstein der kulturellen Empfängnis entlanggerollt und haben sich in einem Gulli gesammelt, der nach Erreichen der kritischen Masse grellbunt explodiert ist und seinen Fall-out von Pop-Witz, Coolness und Wahnsinn in einem eng begrenzten Areal versprüht hat, das man aus irgendeinem Grund seither Finnland nennt. Und weil es das außerhalb dieses Areals nur in Fürth gibt und weil es so schön und toll ist, daß uns völlig wurst ist, ob und welche Bedeutung es trendmäßig haben könnte (bestimmt: nicht die geringste) – schreien wir alle im Chor: »Lieber Fürther als sonst was!«


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer