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Frisch gepreßt 61 (Mai 2003):

Bridge And Tunnel - The Great Outdoors

Versammelt, liebe Freunde, haben wir uns, um, unter Klagen und zährenbehängt, den 150. Jahrestag des hochtraurigen Dahinscheidens Ludwig Tiecks zu begehen, des einsamen großen Streiters wider die Pseudozivilisation der beschleunigten Vernichtung; laßt uns ein weiteres Mal die Humpen heben und ausbrechen in ein dreifaches "Waldeinsamkeit"!

"Waldeinsamkeit! Waldeinsamkeit!"

Verweht, liebe Seelenfreunde, sind die Wege zurück, vom Eissturm der Zeiten. Nur selten noch glänzt der edle Schimmer der Fortschrittsverweigerung aus dem Gestrüpp der Halden und Kippen, wo man die nicht verwertungsfähigen Triebe achtlos abgelegt hat - viele Menschen haben denselben schwarzfeurigen Blick, der auf völlige Gemüthlosigkeit deutet, und nur zu oft wird das Edle und Große von den kleinen Geistern verkannt und geschmäht, weil es dem Lauf der Zeiten entfallen und allzu großer Bescheidenheit verpflichtet. Doch glänzt es dann doch um so inniglicher. Die vorliegende Schallaufnahme eines im englischen London beheimateten Künstlerbundes wird, so hoffe ich, die Herzen der reinen und starken Gemüter für sich gewinnen. Laßt uns die Ohren spitzen und hören!

"Wir hören! Wir hören!"

Haltet ein! Es sind zunächst Begriffe zu klären. So etwa diese: Nord Lead 1, G3, G4, Mutator, PCM91, MPX 100, E-MU E6400, Motu 2408 Mk II, DBX 386, TU 12H, 1212, Sovtek Tube Midget 50H ...

"Hilfe! Hilfe!"

Man geht eben mit dem Zeitalter fort, man kann aber aus allem Wechsel sich das Wahre heraussuchen. Heimeliger indes erklingen die Namen von Gitarre, Baß und Schlagzeug; doch sollten wir eindenken der alten Schulweisheit, daß die Romantik mit des großen Tieck stimmungsgetragenem Neu-Erlebnis der süddeutschen Landschaft beginnt. So verwundert es uns nicht, daß Mark Bihler, dem wir das Prädikat "Neu!" nicht nur aufgrund der vordem aufgezählten Gerätschaft, sondern auch aufgrund einer gewissen geistigen Verwandtschaft zu lange vergangenen deutschen Musikschaffenden gleichen Namens zuordnen wollen, der süddeutschen Landschaft entstammt, daß das neue Werk seiner musikalischen Geistesbrüderschaft in einer süddeutschen Scheune seinen Ausgang nahm und daß das eingangs erschallende "Don't Die Ashamed" die ebenfalls süddeutsche Klangkommune V2-Schneider und deren Weise "Stiller" zitiert. Dies sei zu loben!

"Lob! Lob!"

Stiller indes wird es dann nicht, sondern breit und blühender Vielfalt verpflichtet, wiewohl der ungute Hang des modernen Menschengewürms zum Vorwärtsgewimmel unterbleibt. Was ist Romantik, wenn nicht Verbindung des Unverbindbaren zum Neuen, das sich rück- und seit-, doch selten vorwärts wendet? So laßt uns Brücke und Tunnel preisen, die das Ferne mit dem Nahen, das Tiefe mit dem Hohen und in unserem Fall japanischen Grindcore aus New York und bayerische Industrial-Nulligkeit (man erlausche ein gestehendes "I've done many terrible things") zu weiten Feldern der Imagination verbinden, auf denen nichts von beider Wurzelkraut wuchert, dafür jedoch das Korn der Harmonie nur so wogt und rauscht und das Lied als solches in großer Größe, doch fernab schnöder Epik, stolze Urständ' feiert.

"Wir warten! Wir warten! Gelobt haben wir doch schon!"

Fein! Nun schließlich laßt uns lauschen und dabei des großen Tieck unsterblicher Zeilen gedenken: Glaubt mir nur, wenn man sich wieder in diesen Stand der Unschuld hineindenkt, so hat der Nachthimmel so etwas feierlich fromm Religiöses, schauerlich Erhabenes, daß ich in dieser eingestandenen Unwissenheit das Allerhöchste ahnde.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer