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Frisch gepreßt 62 (Mai 2003):

The Yeah Yeah Yeahs - Fever To Tell

Dienstagnachmittag in der Redaktion "Sorgenbriefkasten".

"Hihi, der hier ist gut! ‚Liebe Redaktion! Mir macht Musik einfach keinen Spaß mehr. Mein Freund ist schon ganz sauer, weil immer wenn er unsere Lieblingsplatte auflegt, kriege ich so rote Punkte und werde ganz komisch. Was soll ich nur tun?' schreibt F., 15."

"Harmloser Fall von Pop-Allergie. Fängt sich heutzutage jeder irgendwann ein. Wenn die Kinder wüßten, wieviele versteckte Geschmacksverstärker und Giftstoffe in dem Zeug drin sind, das sie dauernd hören, wären sie vielleicht ein bißchen vorsichtiger."

"Ganz bestimmt. Deswegen fressen sie ja auch Hamburger, obwohl jeder weiß, daß da tote Rinder drin sind."

"Papperlapapp. Die wissen ja meistens gar nicht, daß sie überhaupt Popmusik hören. Und zwar dauernd, überall, immer. Jeder Reklamefilm klingt wie eine schlechte Oasis-Single, beim Einkaufen tuckert ständig diese R-&-B-Gülle durch die Gegend, den ganzen Tag laufen die Radios, aus jedem Auto dröhnt ein Umz-umz-umz. Das ganze Leben ist mit einer öligen Schicht von Popmusik überzogen, die entsetzlich schlecht ist."

"Schlecht? Das meiste davon ist doch technisch perfekt! Milliarden werden investiert, um es zu erstellen! Es gewinnt Oscars, Grammys, Echos und Tralala!"

"Es ist unvorstellbar schlecht: billig, dumm, leer, langweilig. Das Allerschlimmste aber ist, daß es überhaupt keine Popmusik ist! Denn echte Popmusik ist laut, böse, falsch, unberechenbar, hinterhältig, rücksichtslos, brutal, sexy, romantisch, grell, zart und wunderbar schön."

"Der hier ist auch prima: ‚Liebe Redaktion, das klingt jetzt komisch, aber ich weiß nicht, was mit meinen Füßen los ist. Die stinken immer so! Bitte lacht mich nicht aus, ich bin echt verzweifelt! (M., 19)'"

"Lieber M., das Problem kennen wir nur zu gut. Kein Grund zur Verzweiflung: Deine Füße sind einfach eingeschlafen. Du mußt sie wieder wecken, und das geht am besten mit guter Popmusik. Die tut weh und heilt zugleich. Achtung!"

"Hui, das klingt ja, als würde man die Ohren mit gehackten Rasierklingen ausspülen! Es erinnert mich an ..."

"Pst! Keine Vergleiche, sonst stellt sich der sogenannte ‚The-Bands-Effekt' ein, so benannt nach den Strokes, die heute keiner mehr hören kann, weil die doofen Kritiker ihren Namen nicht hinschreiben können, ohne andere Namen dahinterzuschreiben, die meistens mit ‚The' anfangen, obwohl die einen klingen wie Atomic Rooster an einem schlechten Nachmittag, die anderen wie Jesus & Mary Chain ohne Songs und der Rest wie gar nichts. Weil die Kerle überhaupt nichts hinschreiben können, ohne einen ‚Trend' auszurufen. Dann rennen alle los und kaufen das Zeug, kriegen Pop-Allergien und eingeschlafene Stinkfüße, und schon explodiert unser Briefkasten."

"Aber die Plattenfirmen müssen was verkaufen, sonst gehen sie pleite und die Arbeitsplätze verloren."

"Richtig. Und wenn ab morgen jeder von uns 20 Liter Milch am Tag trinkt, sind die Molkereien gerettet und müssen ihre Kühe nicht an die Hamburger-Fabriken verkaufen."

"Hm. Ach, im Grunde ist mir alles so was von egal. Wow, ist das geil! Oh, tut das schön weh! Ah, haut das in die Nervenstränge! Weia, fühle ich mich groß und stark und unsterblich! Täusche ich mich, oder ist da kein Baß dabei?"

"Natürlich nicht, wozu auch? Trommeln, Becken, Saiten, elektrische Verstärker, ein Mund und Songtitel wie ‚Black Tongue', ‚Cold Light' und ‚No No No' sind alles, was man braucht, um Dächer abzudecken. Und am Ende kommt dann der Samtdecken-Effekt, der die zersplitterte Nachtseele heilt."

"Oh ja, wie eine Session von Placebo, Chrissie Hynde und ... huch! Sorry!"


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer