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Frisch gepreßt 63 (Mai 2003):

Diverse Interpreten - Daft Wild Sparkling Strawberry Soda

Im Jahre 40 nach den Beatles ist ganz Popeuropa von drögischen Truppen besetzt. Der Widerstand, der anfangs immer wieder aufflammte, ist weitgehend erloschen; doch plötzlich dräut Gefahr: Den drögischen Legionären wachsen die Kopfmatten und Bärte immer länger! Läuse und Flöhe nisten sich ein und übertragen den Virus der sogenannten Alternative-Schlaffheit! Der Untergang des Reiches in haarigem Wucher ist abzusehen! In ihrer Verzweiflung wenden sich die drögischen Legionäre an Apricotix, den Druiden einer verschworenen Gemeinde von sturen Popeuropisten. Der verspricht Abhilfe, doch sind zur Zubereitung eines Zaubertranks vielerleiverschiedene Sorten fruchtiger, aromatischer, süßer, spritziger Popbeeren nötig, die in ganz Popeuropa kaum mehr zu finden sind. Denn zwar ist es den drögischen Agrarexperten gelungen, neue Sorten zu züchten, die riesig und so extrem widerstandsfähig sind, daß sie die alten Popbeeren überall verdrängt haben; aber leider schmecken sie nach Essigwatte und haben keinerlei Wirkung gegen krankhaften Haarwuchs.

Also schickt der Druide seine zwei besten Krieger in die Welt, liebenswerte, rauflustige Burschen mit sonnigem Gemüt, deren einer als Kind in einen Topf mit Popbeerenmarmelade gefallen und seither immun gegen die Alternative-Schlaffheit ist. Und tatsächlich werden die beiden Freunde auf ihrer abenteuerlichen Reise durchs karge besetzte Popeuropa fündig: Im hohen dänischen Norden pflücken sie köstliche Beeren der Sorten Tiger Baby, Superheroes und Labrador, in Schweden sammeln sie die besonders saftigen Perishers. In der ebenfalls von Drögern besetzten Provinz England überreichen ihnen verbündete Druiden von den Stämmen Shinkansen und Sarah ätherisch zarte Trembling Blue Stars und Would-Be-Goods; der Untergrund der Hauptstadt London hält Birdie und Belasco bereit, und so füllt sich das Körbchen der tapferen Sucher mit prächtigen, aromatischen, vor Zauberkraft nur so strotzenden Früchten.

In einer stürmischen Nacht auf See indes scheint das Schicksal der beiden Freunde besiegelt. Die Wogen spülen sie hinaus aufs offene Meer! Endlich landen sie an unbekannten Gestaden im fernen Westen, besiedelt von wilden Horden, und siehe da: Auch hier wachsen in verborgenen Spalten und Nischen im Karst die wunderlichen kleinen Beeren, etwas dunkler gefärbt und mit erfrischend herbem Beigeschmack sind die Prachtexemplare, die ihnen die Züchter Lloyd Cole, Bart Davenport und Majestic kredenzen.

Nach beschwerlicher Ozeanfahrt sammeln die beiden in Gallien noch eine Handvoll Orwell- und Tahiti-80-Beeren und schlagen sich endlich durch die drögischen Linien in vertraute Gefilde, wo es einheimischen Züchtern mittlerweile gelungen ist, die drögischen Popbeeren-Sorten stellenweise zurückzudrängen. Panamaformat und Riviera runden die Sammlung ab, die der Druide Apricotix alsbald zu einem wild schäumenden, beerensüß prickelnden, wunderlich duftenden, regenbogenfarben schimmernden Trank veredelt. Die Wirkung ist verblüffend, Matten und Bärte lichten sich. Doch bemerken die Dröger zu spät, daß sie in die Falle gegangen sind: Denn mit dem Virus und den Haaren schwinden auch ihre Kräfte und ihr Mut, Schwindel erfaßt die einstmals hehren Recken, und ehe sie sich versehen, sind sie selbst zu Popeuropisten mutiert, und goldtönender, melodiöser Friede weht durchs Land.

Und tief im Wald, wo einst der Kessel stand, sprießen die süßen, bunten Popbeeren und lächeln verlockend im matten Gestrüpp.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer