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Frisch gepreßt 64 (Juni 2003):

Mogwai - Happy Songs For Happy People

Musikkritik ist ein schwieriger, hm, Begriff, und schwieriger wird er noch durch die Dauerflut von "Musikkritik", die uns aus allem, worin man Fisch verpacken kann, täglich entgegenschwillt. Die grundsätzliche Frage nach den Maßstäben wird dabei sehr energisch gestellt und zugleich verfehlt, denn die Antwort ist meist eine Variation von "Sechshundert Zeichen!" oder "Zehn Zeilen bitte, aber bis heute nachmittag!" Wolkengebirge von Standardfloskeln und stöhnenden Krüppelmetaphern ergießen sich aus den Elaboraten grundsätzlich unterbezahlter Schreiber, die Musikkritik im Normalfall ausüben, um sich die Mensa-Marke zu verdienen oder irgendwie "reinzukommen" - denen man also keinen Vorwurf machen kann, ebensowenig wie Redakteuren (die irgendwas brauchen, was a) um die Anzeigen herumfließt, die sonst keiner bemerkt, und worin b) das angezeigte Produkt erwähnt wird, weil es sonst keine Anzeige gibt), Plattenverkäufern (das gleiche, nur andersherum) und sowieso Musikern (die, wenn sie wüßten, wie man Musik kritisiert, schwuppdiwupp keine Musiker mehr wären).

Apropos Flut, apropos schwellen, Wolkengebirge, ergießen, fließen und apropos Maßstäbe: Tektonik und Meteorologie wären einen versuchsweisen Einsatz wert, wenn es um Mogwais viertes Studioalbum geht. Und da wollen wir einfach mal fröhlich ins Arsenal einschlägiger Begriffe greifen: Die durchweg instrumentalen Slow-motion-Eruptionen der vier Glasgower speisen sich aus merkwürdigen, abseitigen Schloten, die sich in der Tiefe dort verlieren, wo alles beginnt und endet: im Ungefähren. Die Titel der schwellenden, flutenden, spontanen, doch Ur-Regeln folgenden Ausblasungen umflocken den Hörer wie sanfte Schwaden warmer Asche der Alltagskultur von halbgestern: Paranoia, diffuse Bedrohlichkeit, biblische Bilder, wohliger Horror-Humor und die Vorstellungswelten von Metallern der mittleren Achtziger bilden das Erz, das schimmernde Patina auf den Lavafluß streut, dem man sich, wenn man einmal vorsichtig einen Aufmerksamkeitsfinger hineingesteckt hat, nicht mehr entziehen kann; umweht von Stürmen absichtsloser, urtümlicher Inspiration, umspült von Freude, Trauer, Euphorie und wohliger Müdigkeit treibt man dahin.

Der geistige Vulkan Karl Kraus grollte einst: "Ich lehne es ab, in der Musik aufzugehen. Die es ist, muß in mir aufgehen." - Diese ist es und tut es; sie quillt heraus aus Erinnerungen an verhallende Abspannmelodien epischer Prog-Rock-Aufführungen, bildet Kegel von hypnotisch simpler, dabei majestätischer Schönheit, explodiert in Zeitlupe, zerfließt bis in die letzte Körperzelle und Nervenspitze hinein und erfüllt uns endlich ganz mit glitzernder, vielgestaltiger, wärmender Magma, die nach einer knappen Dreiviertelstunde, wenn der letzte, vage Ton wie zufällig erloschen und verklungen ist, erkaltet und erstarrt und aus der Haut der Erfahrung nicht mehr hinauszuschaufeln ist.

Es ist eine Musik, die man, während man sie hört, immer schon geahnt hat: Sie muß in den Sphären gelegen haben, ehe noch der erste Fisch ans Ufer kroch und beschloß, es mal mit Lungen zu versuchen. Es ist, außerkörperlicher und oberirdischer betrachtet, Musik sowohl für glühende, bewegungslose, zeitfreie Hitze-Nachmittage als auch für die wallenden, kühlfeuchten Düstertage im tiefen Jenseitsfrühsommer der Schafskälte ... (hüstel, hüstel, keuch!)

Chor der stöhnenden Krüppelmetaphern: "Erbarmen! Hilfe! Rettet uns aus den Abgründen!"

Huch? Ich bitte um Verzeihung und erflehe Gnade, handelt es sich doch auch hier natürlich um nichts weiter als, ähem, einen Versuch von Musikkritik. "I Know You Are But What Am I?" (Nummer acht) - Schweigen im Lazarett.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer