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Frisch gepreßt 65 (Juni 2003):

Whirlwind Heat - Do Rabbits Wonder?

Wer derzeit nach einer Rock-Karriere strebt, tut gut daran, sich einen Namen zuzulegen, in den ein "The" hineinpaßt und der nebenbei noch ordentlich rebellisch klingt. Also nicht "Thesenpapier" oder "Theoderichs Rache" - Hamburger Schule und Neues Deutsche Grunzhandwerk sind gemeinsam outgegangen, und zwar nicht auf die Sommer-Disco-Open-air-Beach-Schlamm-Sex-Party, sondern dahin, wo derzeit Zeitungsmeldungen zufolge auch das Münchner Bier hin ausgeht: in den Mangel.

So gesehen haben Whirlwind Heat Pech, denn das "The" fehlt. Andererseits ist The Neue Welle auch nicht mehr ganz neu, und wie soll man seine neue Lieblingsband aus einem Massenaufmarsch von The Thrills, The Kills, The Drills, The Pills und The Sonstnochwas herauserkennen? Und Glück hatten Whirlwind Heat schon auch, weil The-Wellenreiter Jack White mit seinem vielen The-White-Stripes-Geld ein Label gegründet hat, und zwar im Grunde nur, um Whirlwind-Heat-Platten veröffentlichen zu können, was den guten Jack, dem man seine doch inzwischen arg penetrante Jon-Spencer-Mudhoney-Abklatsch-Melange, seine käsige Schwester und sein stoisches Ketchup-Mayo-Geglotze von allen Magazintiteln dieser Welt ein bißchen übelnehmen könnte, wieder recht sympathisch macht.

The White Stripes haben keinen Bassisten, Whirlwind Heat schon, dafür aber keine Gitarre, sondern ein ziemlich urtümliches Keyboard, so daß man konzedieren muß, daß hier nicht mehr Wein aus demselben alten Schlauch geschenkt wird. Andererseits haben auch Whirlwind Heat, (die übrigens derselbe Jack White auch gleich produziert hat) eine pulsierende Ader für Krach: eine Vene, die den Schmutz der Welt und des Lebens beim Hören aus den Körperzellen wäscht und Platz macht für eine wackelige, hübsch verwilderte Ordnung, in der Keyboard und Stimme sich in die Aufgaben der Gitarre teilen, was den wahren Kenner stellenweise an die leider ein Jahrzehnt zu früh gekommenen und daher sträflich unbeachtet wieder gegangenen The (!) Sugarplastic erinnert.

Die Ordnung folgt strengen Regeln: Instrumente werden, wenn sie sich irgendwie ins Gehege zu kommen drohen, schnurstracks in andere Räume gesperrt, was das Hören der Platte mit Kopfhörer zu einer erstaunlichen Erinnerung an die Tatsache macht, daß für Musikaufnahmen Mischpulte benützt werden. Die Songs wiederum, die auf kurzen Etüden in enigmatischer Selbsterfahrungs-Kreispoesie beruhen, sind nach Farben benannt und folgen einem Spektrum, das man als langsame Entfernung von Körperlichkeit und Hitze deuten könnte: Es beginnt mit orange, schwarz und purpur und endet mit silber, weiß und grau.

Bestimmt steckt dahinter eine Idee (vielleicht sogar eine ziemlich gute), aber die macht man sich beim Hören lieber selbst, dann kann man sich das öde Vergleichen sparen. Die Plattenfirma gibt die späterhin zu Faschingsklamauk-Muckern verkommenen Zivilisationskritik-Punkrocker Devo vor; das ist ziemlich blödsinnig, trifft aber stellenweise irgendwie doch, was den lange vergessenen typisch US-amerikanischen Pop-Humor angeht. Das spricht für die Qualität der Platte, denn was einen an anderes erinnert und zugleich drängt, Vergleiche zu vermeiden, ist meistens ziemlich gut.

Im übrigen musizieren Whirlwind Heat zu schroff, zu eigensinnig, zu sperrig, um befürchten zu lassen, es müsse, wer künftig nach einer Rock-Karriere strebt, bloß seine Gitarre verkümmeln und auf der Auer Dult ein Keyboard suchen. Nein, nein, hier kommt nicht schon wieder ein "Trend". Neue Wellen spülen halt nur manchmal ein einzelnes Stück Strandgut in den gleichförmigen Sandbrei, das am Ende, wenn alles wieder verebbt ist, liegenbleibt und etwas bedeutet.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer