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Frisch gepreßt 66 (Juli 2003):

Bad Brains - Banned In D.C. (Greatest Riffs)

Manchmal verschwinden Sachen in einem schwarzen Loch. Wenn ich das richtig verstanden habe, handelt es sich in einem solchen Fall um eine "Singularität"; und aus der wiederum macht mein Lexikon einen "Punkt, in dem eine Kurve einen anderen Verlauf nimmt" - eine Erklärung, die Astrophysiker unruhig mit dem Bärtchen wedeln läßt, weil sie gerne Einspruch erhöben; aber zum Glück haben wir ein zweites Lexikon, das weiter mitteilt, es handle sich dabei außerdem um "Witterungsereignisse". Wir sparen uns die Aufzählung diverser Eisheiliger, Schafskälten, Altweibersömmer und Weihnachtstauwetter und fassen mit einem Flankensatz auf neues Terrain zusammen: Es gibt Bands, die wie ein Wolkenbruch über die Musiklandschaft hereinbrechen, ohne stringente Entwicklungsdramaturgie Kugelblitze, Hagelschauer, Glühsonne, Sturmböen, warmen Regen und entspannte Nebelschleier in die Gegend werfen, und wenn man sich an sie erinnert, stellt man fest, daß sie spurlos und vollständig verschwunden sind, ohne daß jemand was mitbekommen hätte.

Die Geschichte der Bad Brains beginnt, annäherungsweise, im Frühjahr 1978 in der US-Hauptstadt Washington. Da hieß die Band Mind Power und versuchte sich, wie sich das für dunkel gefärbte Amerikaner gehört, mit allem möglichen, was die Musikgeschichte zwischen Reggae, Jazzrock, Soul und Fusion so hergab, bis eines Tages Sänger Sid (!) McCray bei Bassist Darryl Jennifer aufkreuzte und nicht nur einen Haufen Platten von Sex Pistols, Clash, Damned und Dead Boys dabeihatte, sondern auch noch mit Sicherheitsnadeln behangen war wie ein ausgearteter Weihnachtsbaum. Rumms! war alles anders. Sid, Darryl, Gitarrist Dr. Know und der zweite Sänger HR zogen in ein gemeinsames Haus in Bayway, Maryland, das ihnen der Geschäftsführer des Rustler Steak House besorgte, wo Doc arbeitete. Die Proben begannen Job-bedingt stets nach Mitternacht, und im Verlauf der nächsten sechs Monate wurden daraus mehr und mehr Party-Konzerte, die einen einzigen beständigen Faktor hatten: Sid sang die erste Nummer ("Regulator", Track 5), dann stürmte seine Freundin auf die Bühne, prügelte ihn runter, und HR übernahm das Mikro. Die musikalische Ausrichtung war eine Art Lottospiel: Meistens erbebte das Haus unter massivem Hardcore-Bombardement, nur manchmal, wenn die Tüten dick genug waren, rollten plötzlich entspannte Reggae-Wellen. Für die Band war beides sowieso dasselbe: "Wir sind eine Gospel-Gruppe", erklärte Darryl dem Punk-Fanzine "Damaged Goods", "Wir predigen das Wort der Einheit."

Weil alle vier (Sid hatte irgendwann genug von den Prügeln und hörte auf seine Freundin) keine DIY-Amateure waren, sondern Musiker, die notfalls auch im Schlaf spielen konnten, lag ihnen die harte Szene von Washington sehr bald zu Füßen. Allerdings mußte sich Darryl nach einem Auftritt im Vorprogramm der Damned im Bayou-Club von Ordnern auf die Straße pfeffern lassen, was Auftrittsverbote und den Umzug nach New York zur Folge hatte. War kein Schaden: 1981 entstand dort "Bad Brains", das 1982 als Kassette veröffentlichte "beste Punk/Hardcore-Album aller Zeiten", wie Adam Yauch (Beastie Boys) bis heute glaubt. Es war nicht der Anfang und nicht das Ende. In den folgenden Jahren verwirrten die Bad Brains sporadisch und unberechenbar die Welt: spielten Reggae, wenn man Punk erwartete, ergingen sich in Dub-Eskapaden, bolzten mit Geschwindigkeitsrekorden den härtesten Rasta-Zopf zum Iro und perfektionierten die als "Crossover" bekannte Mixtur aus Funk, Metal und Hardcore, bevor es sie überhaupt gab, und lieferten damit die Vorlage für Millionen Provinz-Mucker, die bis heute mit schlaffen Aufgüssen Skateboard-Kongresse beschallen.

Und irgendwann verschwanden die Bad Brains. Einer ihrer ersten Songs hieß (wie das ganze 1979 aufgenommene, aber erst 1996 veröffentlichte Album) "Black Dots". Wenn der Zufall einem solchen schwarzen Loch in der Musikgeschichte 23 Fetzen der Erinnerung entreißt, sollte man das nicht ignorieren, sondern sich mitreißen und durchschütteln lassen von der vergessenen Einmaligkeit, ehe sie wieder verschwindet.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer